Zum Inhalt springen

Schweizer Buchpreis Ruth Schweikerts präziser Blick auf die Kuckucksfamilie

Zehn Jahre nach «Ohio» legt Ruth Schweikert ihren nächsten Roman vor. «Wie wir älter werden» ist eine vielschichtige Familiensaga rund um alte Lieben, verdrängte Wahrheiten und kindliche Prägungen.

Eine Frau liest ein Buch
Legende: Mit einer bildreicher Sprache dringt Ruth Schweikert in ihrem neuen Buch immer tiefer in den Mikrokosmos Familie ein. SRF / Oscar Alessio

Der grosse Landhaussaal in Solothurn war restlos ausverkauft, als Ruth Schweikert die Bühne betrat und den Anfang aus ihrem neuen Roman vorlas. «Wie wir älter werden» erzählt von den Schweizer Familien Brunold und Seitz. Wir lernen sie über mehrere Generationen kennen, von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart. Aus immer wieder anderen Perspektiven erhalten wir Einblick in die Familienverhältnisse. Wir realisieren, wie zufällig die Weichen im Leben gestellt werden, und mit welcher Gnadenlosigkeit das Schicksal zuschlagen kann.

Die erste Liebe glüht weiter

Besonders raffiniert ist der Clou der Geschichte: Die beiden Familien sind durch ein – mehr oder weniger offenes – Geheimnis miteinander verhängt. Jacques Brunold und Helena Seitz waren vor ihren Ehen ein Paar. Und diese erste grosse Liebe lässt sie bis zum Tod nicht mehr los.

Diese Konstellation hat auch gravierende Auswirkungen auf einzelne Familienmitglieder. So werden zum Beispiel zwei der drei Töchter von Helena eines Tages mit der Tatsache konfrontiert, dass nicht – wie bislang geglaubt – Emil Seitz ihr leiblicher Vater ist, sondern eben Jacques Brunold. Und sie somit Halbschwestern sind von den drei anderen Brunold-Kindern. Kein Wunder, bringt diese Nachricht intern einiges durcheinander.

Topos Familie

Es sei dieser Mikrokosmos, der sie am Thema «Familie» interessiert, sagt Ruth Schweikert: «In familiären Beziehungen spielen sich dieselben Dramen ab, wie zwischen Ländern und Kulturen». Und sie versuche beim Schreiben «den Verwerfungen nachzuspüren, die Zeit- und Weltgeschichte in Einzelbiografien hinterlassen.» Der Roman macht auch deutlich, wie sich gesellschaftliche Entwicklungen immer auch innerhalb einer Familie spiegeln.

Raffiniert wechselt Ruth Schweikert immer wieder Blickwinkel und Zeitebenen, erzählt zum Teil assoziativ und sprunghaft. Diese kühne Schnitttechnik mag zuweilen verwirren. Und doch merkt man beim Lesen sehr bald, wie stringent sie im Hintergrund alle Fäden zusammenhält.

Immer tiefer ins Familiengestrüpp

Der Titel des Romans «Wie wir älter werden» ist durchaus Programm: Ruth Schweikert lotet Nuancen aus, wie sich unser Blick auf biografische Ereignisse mit fortschreitendem Alter verändert. Familiäre Prägungen werden von Betroffenen laufend neu hinterfragt und interpretiert. Stück für Stück lässt uns Ruth Schweikert in einer präzisen, bildreichen Sprache immer tiefer in dieses verwandtschaftliche Gestrüpp der Brunolds und Seitz‘ eindringen.

Passend dazu auch das Zitat von Max Frisch, das dem Buch vorangestellt ist: «Die Zeit verändert uns nicht, sie entfaltet uns nur.» Dies sei auch bei der Arbeit an diesem Roman ihr stärkster Eindruck gewesen, erzählt Ruth Schweikert bei der Vernissage: «Je genauer ich hinschaue, je genauer ich beim Schreiben etwas verfolge, desto mehr entfaltet es sich eigentlich vor meinen Augen – und hoffentlich auch vor den Augen, Ohren und Gedanken der Leserinnen und Leser.»

Sendehinweis

Die Nominierten

1 Kommentar

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Teilen Sie Ihre Meinung... anwählen um einen Kommentar zu schreiben

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie unsere Netiquette verfügbar sind noch 500 Zeichen

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

  • Kommentar von alma lüscher, bern
    ist eine entfaltung keine veränderung? die einzige konstante im universum ist die veränderung! (Heraklit von Ephesus) scheint mir weiser, auch wenn das nicht frisch gesagt hat, und schweikert nicht zitiert hat. ob es denn so viel eloquenz und sprachliches konstrukt braucht, um zu dieser logisch falschen behauptung von frisch zu kommen. ich weiss es nicht. gut,dass es treffendere sprachliche beiträge an den solothurner literaturtagen gegeben hat. die gedichte von tilo krause zum beispiel.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen Antworten anwählen um auf den Kommentar zu antworten