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Sibylle Berg zum Grand Prix Literatur: «Hoffentlich hassen mich jetzt die Leute nicht»
Aus Kultur-Aktualität vom 14.01.2020.
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Schweizer Grand Prix Literatur Höchste Ehre für Sibylle Berg

Die Autorin Sibylle Berg erhält für ihr Werk den Grand Prix Literatur 2020. Ein mutiger und überraschender Entscheid.

Letzten Herbst erhielt sie den Schweizer Buchpreis für ihren dystopischen Roman «GRM Brainfuck». Nun vergibt das Bundesamt für Kultur den jährlichen «Grand Prix Literatur» an Sibylle Berg für ihr Gesamtwerk. Die Jury würdigt die Autorin «als innovative, engagierte und bedeutende Stimme der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur».

Überraschender Entscheid

Für eine Autorin, die von Kritikern als «erbarmungsloseste deutsche Schriftstellerin» bezeichnet wurde, ist das eine reichlich blasse Preisbegründung. Der Entscheid der Jury bleibt trotzdem mutig und überraschend.

Überraschend deshalb, weil Sibylle Berg so gar nicht in die Reihe der bisherigen PreisträgerInnen passt: Paul Nizon (2014), Adolf Muschg (2015), Anna Felder (2018) oder Zsuzsanna Gahse (2019) darf man als sogenannt «verdiente» AutorInnen bezeichnen mit breitem Lebenswerk.

Ein Klaus Merz oder ein Thomas Hürlimann hätten diese Reihe nahtloser weitergeführt als Sibylle Berg – auch wenn sie sich mit 14 Romanen, 25 Theaterstücken und ungezählten Essays, Kolumnen und Zeitungsartikeln ein beachtliches Gesamtwerk erschrieben hat.

Eine völlig Unangepasste

Mutig ist der Entscheid deshalb, weil die Jury damit eine völlig Unangepasste, eine Querschlägerin ehrt. Sibylle Bergs literarisches Mittel ist die Provokation, die groteske Überspitzung, der Zynismus. Keine Situation in ihren Romanen ist fertig erzählt, bevor sie nicht die schlechtestmögliche Wendung genommen hat.

Sibylle Berg

Sibylle Berg

Autorin

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Sibylle Berg wuchs in Weimar in Ostdeutschland auf. Sie schreibt Romane, Essays, Kurzprosa und Theaterstücke. Im Jahr 2000 erhielt sie für «Amerika» den Marburger Literaturpreis, 2008 den Wolfgang-Koeppen-Preis, 2019 den Schweizer Buchpreis für «GRM Brainfuck» und 2020 den «Grand Prix Literatur» für ihr Gesamtwerk.

Ihre Werke wurden in 34 Sprachen übersetzt, ihre Theaterstücke in 26 Sprachen. Sie ist verheiratet, lebt in Zürich und hat die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen.

Nicht zufällig wurde sie als «Antwort der deutschen Literatur auf Michel Houellebecq» bezeichnet. Schon in ihrem Erstling «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot» von 1997 versinken die ProtagonistInnen in Gewalt, Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit. Richtig an die Nerven geht der Umgang ihrer Figuren miteinander.

Nichts scheint mehr heilig. Sexuelle Ausbeutung von Kindern oder unmotivierte Gewaltausbrüche gehören zum Alltag. Der Grundton ist geprägt von Brachial-, Fäkal- und Sexualsprache. Erträglich wird das alles dank Bergs grimmigem Humor, ihrem Gespür für wirksame Effekte und einem Ohr für satte Dialoge.

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«GRM - Brainfuck»: Sibylle Berg für Schweizer Buchpreis normiert
Aus 10vor10 vom 05.11.2019.
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Schärfste Gesellschaftskritik

Vor allem aber ist die Boshaftigkeit kein Selbstzweck. Dahinter steckt schärfste Gesellschaftskritik. Über «GRM Brainfuck» sagt Sibylle Berg: «Es ist gerade die Zeit, wo Kräfte mit den Mitteln der Demokratie versuchen, die Demokratie abzuschaffen – weil sie hinderlich ist beim Geldverdienen.»

Alle Krisenthemen der Gegenwart kommen hier zusammen: Die Folgen des Turbokapitalismus, der Klimawandel, der Überwachungsstaat. Am Beispiel von England wird bis auf den letzten Blutstropfen durchexerziert, was passiert, wenn die soziale Schere sich weiter öffnet, die Mittelschicht verarmt und immer mehr Menschen aus dem System fallen.

Ihre Romane haben Follower oder Hasser

Von politischer Korrektheit hält die Autorin offensichtlich nichts. Männer zum Beispiel gibt es nur in der toxischen Variante, als Widerlinge. Keine Gnade für keinen, am wenigsten für den Leser und die Leserin. Wenig verwunderlich, dass Sibylle Berg polarisiert.

Ihre Romane provozieren bitterböse Verrisse ebenso wie Lobeshymnen. Sie zwingt die Lesenden, zu Followern oder Hassern zu werden. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie den Nerv der Zeit trifft. Insofern ist sie auf jeden Fall eine würdige Empfängerin des Schweizer Grand Prix Literatur.

Grand Prix Literatur und Schweizer Literaturpreise

Der Schweizer Grand Prix Literatur zeichnet das Gesamtwerk einer Autorin oder eines Autors aus. Er wird alle zwei Jahre vom BAK vergeben und ist mit 40'000 Franken dotiert.

Zusätzlich werden jährlich Preise für im vergangenen Jahr erschienene Einzelwerke ausgeschrieben. Die Preisträgerinnen und Preisträger erhalten je 25'000 Franken und werden durch spezifische Förderungsmassnahmen unterstützt, die ihre Werke auf nationaler Ebene bekannt machen sollen.

Der Schweizer Grand Prix Literatur 2020 geht an Sibylle Berg für ihr Gesamtwerk. Mit dem Spezialpreis Übersetzung wird Marion Graf für ihre Übersetzungen aus dem Deutschen und Russischen ins Französische ausgezeichnet.

Gleichzeitig werden die Schweizer Literaturpreise für im vergangenen Jahr erschienene literarische Werke vergeben (siehe Tabelle unten). Die Preisverleihung findet am 13. Februar 2020 in Anwesenheit von Bundesrat Alain Berset in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern statt.

Schweizer Literaturpreise 2020

Flurina Badel tinnitus tropic, poesias (editionmevinapuorger)
François DebluëLa seconde mort de Lazare (Editions l’Age d’Homm)
Doris FemminisFuori per sempre (Marcos Y Marcos)
Christoph GeiserVerfehlte Orte. Erzählungen (Secession Verlag für Literatur)
Pascal JanovjakLe Zoo de Rome (Actes sud)
Noëmi Lerch Willkommen im Tal der Tränen (Verlag die Brotsuppe)
Demian LienhardIch bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat (Frankfurter Verlagsanstalt)

Sendung: Nachrichten, Radio SRF 2 Kultur, 14.01.2020, 10.00 Uhr

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53 Kommentare

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  • Kommentar von ely berger  (bärn)
    Ich lese sehr gerne Bücher und sehr viel. Allerdings nur gute (positive oder zufriedene) und integre SchriftstellerInnen. Ich geniesse schöne und treffende Sätze und Aufrichtigkeit. Z.B. beeindruckt mich Donna Leon (Commissario Brunetti), die als junge Frau schon zum Ziel hatte, glücklich zu werden. Die Berg'sche Fäkalsprache ist mir zutiefst zuwider. Auch ihr Ring mit dem Totenkopf. Das tragen in der Berner Reithalle auch einige. Glücklich werden ist viel, viel schwieriger, als motzen.
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  • Kommentar von Thomas Steiner  (Tom Stone)
    Cool finde ich ja, wie im Sektor Kultur plötzlich alle Kommentatoren und Kommentatorinnen hochgestochene Ausdrücke verwenden, um ja intelektuell zu wirken. Und dann wird aus "Besetzung" eine "Besatzung" und alle Befürworter sind linke weibliche intelektuelle Kampflesben. Aber wer hat denn das Buch gelesen? Bitte nicht die Bilder von Sibylle Berg kommentieren sondern ihr Werk. Und das hats in sich.
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      Ich habe bis zur Seite 156 durchgehalten um es danach - was ich ganz selten tue - es gleich in den Müll zu entsorgen - so sehr hat mich das Buch aufgeregt, dass es nicht mal als Blumenuntersatz oder Altpapier taugt!
      Währenddem die Kotzbücher von Jelinek (die Klavierspielerin) und Seitz (Indigo) wenigstens noch Erfahrungs-Horizonte weiteten, bleibt Berg auch in diesem Band selektiv banal, leer und angepiss. Bei diesem Muster verliess mich ganz einfach die Hoffnung auf ein besseres Ende.
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  • Kommentar von David Bärtschi  (David Bärtschi)
    2.) Warum dieses ständige Gejammer über das Steuerzahlen? Gerade progressive Steuern sind ein Instrument der Solidarität und garantieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Reichere unterstützen Ärmere, Kinderlose finanzieren Schulen mit, Veganer die Fleischproduktion, Velofahrerinnen die Autobahnen, Pazifisten das Militär - und da müssen halt ein paar Leute damit leben, dass mit einem Buchpreis halt mal weder ihre eigener Geschmack noch ihre eigene Ideologie ausgezeichnet werden. So what!
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    1. Antwort von René Baron  (René Baron)
      So wie Berg suggeriert, dass wir die ganze Kotze, Pisse, Sperma, Gewalt, Rotz und Hoffnungslosigkeit als die einzig noch mögliche "Alternative" menschlichen Ausdrucks zu verstehen und einfach auch mal kollektiv zu akzeptieren haben? So meinen Sie Herr Bärtschi?
      Ich persönlich traue mir mehr zu und habe noch Hoffnung.
      Und vermutlich denken Sie auch nur so, weil ihr Status in diesem Buch nicht behandelt wird, und Sie sich noch daran freuen dürfen, sich von der bergschen Kackwelt abzuheben.
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    2. Antwort von David Bärtschi  (David Bärtschi)
      Über welchen Status soll ich mich denn freuen, Herr Baron? Jedenfalls teile ich mit Ihnen gewiss die Hoffnung, ja die Überzeugung, dass es keine Alternativlosigkeit gibt. Und damit hätten wir wohl auch die Erzählstimme des Buches mit im Boot, denn gerade die groteske Überzeichnung realer Verhältnisse hat doch etwas von einem Weckruf, es nicht so weit kommen zu lassen, dem Zynismus und der Entsolidarisierung gemeinsam entgegenzutreten. In dieser Hinsicht hat Bergs Schreiben viel von Punk.
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