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Literatur Sempé - mit dem «kleinen Nick» der eigenen Kindheit entflohen

Die Neue Zürcher Zeitung beschäftigt sich mit der Kindheit des französischen Zeichners Jean-Jacques Sempé, dessen Lausbuben-Geschichten auch 50 Jahre nach der Entstehung bei Jung und Alt beliebt sind.

Die Comic-Figur des kleinen Nick mit Schal und Schultasche ist auf eine weisse Wand geklebt. Im Hintergrund ist in einem Raum eine Art Klassenzimmer aufgebaut, über deren Bänken weitere Bilder Sempés hängen.
Legende: Blick in einen Ausstellungsraum der Schau «Le petit Nicolas» in Paris, 2002. Reuters

Anlass für den Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung ist das Diogenes-Buch «Kindheiten», in dem der heute 80-jährige Sempé von sich und seiner Arbeit erzählt: Davon zum Beispiel, dass er als Kind Prügeleien und überhasteten Umzügen ausgesetzt war und sich schon früh aus dieser Kindheit herausphantasiert hat – unter anderem durch das Zeichnen. Er habe von Beginn an humoristische Zeichnungen mit glücklichen Menschen machen wollen, sagt Sempé rückblickend.

Sempés Kinder sind keine besseren Menschen

Ein Leben ohne Ironie und Heiterkeit? Für den Zeichner unvorstellbar. «Wir haben uns alle gehauen, und wir haben geschrien und viel Spass gehabt, es war klasse.» Wenn der kleine Nick aus seinem Alltag erzählt, wird klar: Die Kinder, die Sempé gemeinsam mit Asterix-Autor René Goscinny schuf, sind keine besseren Menschen.

In seinen Zeichnungen stelle sich Sempé immer auf Seiten der Kinder, schreibt die NZZ. Er kenne jedoch die Ohnmacht zu gut, um eine reine Idylle zu verkaufen. In der schwierigen Kindheitserfahrung sieht die NZZ einen Schlüssel für den Zauber von Sempés Leichtigkeit: Die Heiterkeit, die seinen Zeichnungen innewohne, wisse um die Traurigkeit.

Bis heute zeichnet Sempé offenbar das, was er sich wünscht. Seit er nicht mehr so gut zu Fuss sei, zeichne er immer häufiger Menschen, die schnell gehen oder rennen.

Das ganze Drama der Urbanität skizziert

In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung geht es um den Maler Gustave Caillebotte und darum, wie dieser im 19. Jahrhundert die Fotografie und das urbane Lebensgefühl prägte. Anlass ist eine Ausstellung in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, die aufzeigt, wie die Bildwelten des Malers Caillebotte im 20. Jahrhundert wieder auf Fotografien auftauchen.

So beschaulich das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts aus heutiger Sicht wirken mag: Dem Maler Caillebotte, so betont die Süddeutsche Zeitung, gelang es schon früh, das ganze Drama der neuen Urbanität zu skizzieren: Geschäftige Kutschenfahrer, gesichtslose Frackträger, die ständig Ausschau halten, ohne zu wissen, was sie genau suchen und die ihrerseits vom Maler beobachtet werden, der dem Treiben vom Dachstock eines Hauses aus zuschaut.

Ein Spiel mit dem Schwindel

Caillebottes Paris-Ansichten, so der Artikel weiter, spielen mit dem Schwindel – genauso wie viele fotografische Arbeiten des 20.Jahrhunderts, die den Betrachter auf waghalsige Höhenflüge mitnehmen.

Wie modern Caillebotte war, zeigt die Ausstellung in Frankfurt offenbar auch am Beispiel von Porträts: Während der Maler den Porträtierten ganz nah rückt – der Bildrand schneidet hier und da die Füsse ab – halten die ersten Fotografen viel Abstand und bilden so beispielsweise Kamin und Bücherregal mit ab. Das Fazit der Süddeutschen Zeitung: «Die Fotografie brauchte mehrere Jahrzehnte, um so dringlich und durchlässig zu werden wie Caillebottes Malerei.»