Emmentaler Mundart-Literatur So klingt das Fernweh im «Chrache»

Das Emmental hat unzählige Mundart-Dichter – und ein grosses Lesepublikum. Mundart-Archivar Jürg Mäder weiss, was das mit Hügeln, Tälern und abgeschiedenen Einzelhöfen zu tun hat.

Blick auf Berge und Täler.

Bildlegende: Die Distanz zum Nachbarn drückt sich in der Sprache aus – genau wie die Sehnsucht nach der weiten Welt. Keystone

Das Emmental zählt so viele Mundart-Dichter wie kaum eine andere Region in der Schweiz: Simon Gfeller, Ernst Eggimann und Achim Parterre sind nur drei der bekannteren Namen.


Jürg Mäder liest Ernst Eggimann

0:28 min, aus Schnabelweid vom 30.04.2017

Neben ihnen gibt es zahlreiche weniger berühmte Schreibende aus dem Emmental, die ihren Alltag in ihrer eigenen Mundart festhielten. Einer Mundart, die teils von Dorf zu Dorf variierte.

Nicht alle haben literarische Qualität. Aber alle sind interessant für volkskundlich oder historisch Interessierte, sagt Jürg Mäder: «Mundart ist für mich wie eine zweite Geschichtsschreibung. Da schreiben diese Leute aus all diesen ‹Chrachen›. Es ist wunderbar, das nachlesen zu können.»

Belesene Emmentaler Bäuerinnen

Mäder selber ist kein Emmentaler Urgestein: Vor rund drei Jahrzehnten als Sohn einer Bündnerin und eines Glarners nach Langnau zugezogen, hat er ein gutes Gespür für Dialekte. Und einen liebevoll-distanzierten Blick auf die lokale Literaturszene.

1995 hat er in Langnau sein Buch-Antiquariat «Libretto» gegründet. Mit seinen Bücherkisten war er seit Beginn auch auf den Märkten der Region unterwegs.

Dabei stellte er fest, dass die Leute sich weitaus mehr für Dialekt-Werke interessierten als für andere Gattungen: «An meinem Stand fragen Menschen aus allen Schichten nach Mundart-Literatur, Bäuerinnen und Handwerker, die keine akademische Ausbildung haben, aber dennoch sehr belesen sind.»

Sowohl das grosse Interesse für das Schreiben wie auch für das Lesen führt Mäder auf die spezifische Emmentaler Geografie zurück: Hügel und Täler trennen die Dörfer voneinander. Die Menschen leben in verstreuten Einzelhöfen mit grossen, langgezogenen Giebeldächern, die sie vor Sonne und Wind, aber auch vor den Blicken anderer schützen.

Diese Distanz zum Nachbarn drücke sich in der Sprache aus – gleichzeitig aber auch die Sehnsucht danach, die Welt zu entdecken.

Blog-Autorin aus dem 19. Jahrhundert

Die 1889 geborene Emmentaler Autorin Elisabeth Baumgartner zum Beispiel träumte zeit ihres Lebens vom Weggehen, heiratete aber dann einen Mann, der ein paar Schritte neben ihrem Hof in Trub lebte. So blieb sie der heimischen Scholle verhaftet.

Ihre Geschichten geben aus erster Hand einen Einblick in den Alltag im Emmental vor 100 Jahren. In ihrer Literatur habe sie ihre eigene kleine Welt beschrieben und so die Abgeschiedenheit überwunden, sagt Jürg Mäder. Eigentlich gar nicht so anders als zeitgenössische Blog-Autoren, die via Internet den Kontakt mit der grossen, weiten Welt suchen.

«Chalet Malaysia»

Der Langnauer Achim Parterre, 1970 geboren, gehört zur jungen Generation Emmentaler Autoren. Auch er widmet sich in seinen Geschichten immer wieder dem Spannungsfeld zwischen Heimatverbundenheit und Fernweh – allerdings mit ironischem Unterton.

In «Chalet Malaysia» beschreibt er ein Ehepaar, das Jahr für Jahr in Adelboden Ferien macht, wobei der Mann von einer Reise nach Fernost träumt. Als ihm seine Frau als Kompromiss Südtirol anbietet, meint er lakonisch: «D'Richtig stimmt.»

Jürg Mäder

Jürg Mäder

SRF/Martin Lehmann

Der ehemalige Lehrer Jürg Mäder führt seit 1995 in Langnau im Emmental sein Buch-Antiquariat «Libretto». In den letzten Jahren hat er sich auf Mundart-Literatur fokussiert und ist daran, ein eigentliches Mundart-Archiv aufzubauen. Dazu sammelt er Werke aus allen Deutschschweizer Dialekten.

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