So lustig, dass das Lachen im Halse steckenbleibt

«Kommt ein Pferd in die Bar» heisst der aktuelle Roman von David Grossmann. Ein Witz als Titel? Hat Grossmann nach seinem Trauerbuch um den im Libanon gefallenen Sohn das Genre gewechselt? Keineswegs.

Silhouette eines Clowns.

Bildlegende: Comedy und Witz scheinen die einzige Möglichkeit für Dovele zu sein, mit seiner Vergangenheit umgehen zu können. Keystone

Die Lektüre auf den ersten Seiten scheint das zu implizieren: Grossmann erzählt nach seinem Trauerbuch um seinen Sohn eine witzige Geschichte. Es geht um einen Comedy-Abend des abgehalfterten Alleinunterhalters Dovele Grinstein. Ein unsympathischer Typ, mit einem schmierigen Äusseren und anzüglichen Witzen. Gleich zu Beginn beleidigt er sein Publikum und sagt zu einer Frau: «… diese Brustverkleinerung … obwohl, die ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Also, ich persönlich, ich hätt' dem die Hände abgehackt, diesem Chirurgen.»

Durch eine Bemerkung aus dem Lot

Zunächst reagiert das Publikum amüsiert, zunehmend irritiert – dann verändert sich die Stimmung im Saal. Aus dem Publikum meldet sich eine Frau, die Comedian Dovele aus seiner Kindheit kennt. Sie sagt: «Aber du warst doch ein guter Junge.» Diese Bemerkung bringt Dovele aus dem Konzept. Sie spricht damit eine persönliche Seite an, die Dovele als Profi-Unterhalter nicht zeigen will, die so nicht passen will zu seinen beleidigenden, vulgären Bemerkungen.

Diese löst Gefühle und Erinnerungen aus. Er merkt es und scheint sich zuerst dagegen zu wehren. Aber je länger er versucht, die Maske des Stand-Up-Comedian aufrechtzuerhalten, desto mehr gibt er preis von seinem Leben und seiner Kindheit. Bald wird klar: Hinter dem Possenreisser steckt ein zutiefst verletztes Kind. Ein Kind, das ein grosses Trauma mit sich herumträgt. Comedy und Witz scheinen die einzige Möglichkeit zu sein, um damit umzugehen und zu leben.

Emotionales Wechselbad

Dadurch, dass er eine tragische Familiengeschichte von einem Stand-Up-Comedian erzählen lässt, schickt David Grossman den Leser, die Leserin, in ein emotionales Wechselbad. Wieso ist das bei der Lektüre so berührend?

Bei einer persönlichen Begegnung in München erklärt David Grossman: «Als ich diesen Roman geschrieben habe, dachte ich an die vielen Menschen, die ich kenne, und die nicht das Leben führen, das sie erfüllt. Sie sind in einem falschen Beruf, einer Beziehung, die sie nicht glücklich macht, aber sie ändern nichts, sondern passen sich an, täuschen sich oft sogar selbst.»

Genauso ergeht es Dovele im Roman «Kommt ein Pferd in die Bar». An der Oberfläche scheint er ein routinierter Alleinunterhalter zu sein. Aber durch eine einzige Bemerkung bekommt er die Gelegenheit, seine wirkliche Geschichte zu erzählen – und damit auch zu seinem wirklichen Ich zu finden, seine Maske wegzureissen.

Das Lachen bleibt im Halse stecken

In seinem neuen Roman thematisiert David Grossman nicht nur das traumatisierte Leben von Überlebenden des Holocaust und ihren Familien, sondern zwingt die Leser auch, sich auf das eigene Leben zu besinnen. Damit nicht genug. Die Vielfalt an Themen, die Grossman anspricht, ist gross: Umgang mit der Vergangenheit, kollektive Gleichgültigkeit, Empathie, Schuld, Einsamkeit, Befreiung.

Plötzlich sieht man auch Dovele mit ganz anderen Augen, hört ihm aufmerksam zu, wenn er sagt: «Nun denn, Brüder und Schwestern, seid ihr bereit? Hier kommt die irrsinnig komische Geschichte über die erste Beerdigung meines Lebens, ihr werdet Tränen lachen.» Ein grossartiger Roman, bei dessen Lektüre einem das Lachen im Hals steckenbleibt.

Buchhinweis

David Grossman: «Kommt ein Pferd in die Bar», Hanser Verlag, 2016.

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