Felix Schneider: «Auf Wiedersehen, Solothurn!»

Kaum etwas hat sich verändert, seit SRF-Literaturredaktor Felix Schneider vor 18 Jahren zum ersten Mal die Solothurner Literaturtage besuchte. Die aktuelle 35. Ausgabe, ist seine letzte in offizieller Mission. Im Juni wird der Literaturliebhaber und -kritiker pensioniert.

Das grosse Kribbeln gibt es nur beim ersten Mal. Die ersten Solothurner Literaturtage von Felix Schneider liegen 18 Jahre zurück. Aber es wird wieder ein erstes Mal geben. 2014, wenn er zum ersten Mal nicht mehr als SRF-Redaktor hinfahren wird. «Das werden die schwierigsten Literaturtage für mich», prophezeit der kritische Geist.

Von den Literaturtagen 1995 ist Felix Schneider vor allem eines geblieben, das erhabene Gefühl der Anreise. Als Lehrer an einem Obergymnasium in Frankfurt am Main war der Schweizer jahrelang ans Klassenzimmer gebunden gewesen.

Felix Schneider sitzt in seinem Büro am Pult vor dem Computerbildschirm

Bildlegende: Hier in seinem Büro hat Felix Schneider unzählige Buchkritiken geschrieben. SRF

Grosse und kleine Traditionen

Das Reisen und das Radiomachen wurden zum Alltag und Solothurn wurde zur festen Grösse im Jahreskalender von Felix Schneider. Immer am Donnerstagabend geht es los. Nach dem Eröffnungsessen der Literaturtage spürt Schneider Gesprächspartner auf und vereinbart Termine. Wenn er des Nachts ins Bett fällt, sind die kommenden drei Tage seines Terminkalenders gefüllt. Neben Interviews und Lesungen verbringt er jeweils die meiste Zeit im temporären Radiostudio in der Jugendherberge, schräg vis-à-vis vom Hauptveranstaltungsort, dem Landhaus.

Die Wege sind kurz am verhältnismässig kleinen Festival in Solothurn. «Es gibt auch Leute, die sehe ich nur in Solothurn» erzählt Schneider und freut sich bereits auf das Wiedersehen mit dem deutschen Bichsel-Fan Gernot Schäfer. Wie der Solothurner Autor selbst, gehört auch dieser Fan fast schon zum Inventar von Solothurn. Schneider trifft sich jedes Jahr zum Bier mit dem Mann, der in der Berlin ein Peter-Bichsel-Archiv aufgebaut hat.

Gute Literatur und schlechte Kritiken

Das Kleinräumige kann aber auch unangenehm werden. Zum Beispiel, wenn ein Autor den Kritiker zur Rede stellt. Aber Schneider hat Glück: «In den meisten meiner Sendungen bespreche ich Bücher, die mir gefallen. Verrisse sind die Ausnahme.» Von ihm wollen Autoren aber manchmal wissen, warum sie denn nicht besprochen würden. Das könne unangenehm sein. «Da sag ich auch mal, dass es mich halt einfach nicht gepackt hat», wolle der Autor mehr wissen, stelle er sich solchen Gesprächen.

«Der Hunger ist oft grösser als der Magen», das sei auch bei den Büchern so, findet Literaturredaktor Schneider. Auch er kennt das Problem der immer weiter wachsenden Bücherstapel. Wobei in der Literatur, wie überall, der grösste Teil Mittelmass sei. Exzellente Literatur, das sind für Felix Schneider Bücher, die ihn reinziehen, faszinieren und beschäftigen, bezogen auf Thema und Form. Dazu müssen sie auch bei näherer Betrachtung etwas hergeben: «Wie bei einem Bergpanorama. Da wirkt das Ganze und wenn ich mit dem Feldstecher genauer hinsehe, bleibt es interessant.» Sein bevorzugtes Genre benennt er mit «engagierte Literatur».

Aufgewachsen ist Schneider, der Deutsch, Französisch und Geschichte studiert hat, mit den grossen Namen seiner Zeit: Dürrenmatt, Frisch, Muschg, Marti – letzteren hat er auch in Solothurn getroffen: «Solothurn  ist angenehm, weil man einfach an Leute herankommt.» Nach einer speziell schönen Begegnung gefragt, nennt Schneider Jörg Steiner. Den kürzlich verstorbenen Schweizer Schriftsteller schätzte er sehr: «Er war immer einer, der sich wirklich für die Menschen um sich interessiert hat, also auch für mich als Person.»

Solothurn verändert sich und Schneider tut das auch

Die Literaturtage seien klein und persönlich geblieben, hätten sich diesen speziellen Mix aus Professionalität und dem Alternativen bewahrt. Irgendwie sei in Solothurn immer alles möglich gewesen, aber trotzdem habe es in all den Jahren keine grossen Veränderungen gegeben. Mit der neuen Leiterin, Bettina Spoerri, bricht eine neue Ära an. Das zeigt schon das Programmheft dieser Ausgabe. Es wurde neu gestaltet. Aber nicht nur äusserlich stehen Neuerungen an: Das Festival will endlich den Anspruch der Mehrsprachigkeit erfüllen und erstmals soll ein «Think Tank» während des Festivals Thesen formulieren und zu Debatten anregen.

Felix Schneider soll es recht sein, denn für ihn ändert sich sowieso bald vieles. Er werde nach der Pensionierung bestimmt weniger aktuelle Literatur lesen, als er das heute tun muss. «Ich bin ein langsamer Leser», sagt er über sich selbst. Auch wenn man ihm dies nicht so recht glauben mag, mehr Zeit zum Lesen wird er bestimmt haben. Aber eben, der Hunger ist oft grösser als der Magen, deshalb würde es nicht überraschen, wenn Felix Schneiders Bücherstapel immer weiter wächst.

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