Michael Cunningham: «Schreiben war die zweite Wahl»

An den Solothurner Literaturtagen las Michael Cunningham aus seinem neuen unveröffentlichten Roman. Im Gespräch erzählt der US-amerikanische Autor und Pulitzer-Preisträger («The Hours») über seinen Hang zur Kunst, seine behütete Kindheit und die Schwierigkeit des ersten Satzes.

Porträt von Michael Cunningham.

Bildlegende: Mit seinem Roman «The Hours» wurde Michael Cunningham über Nacht zum gefeierten Autor. David Shankbone

Der Autor aus New York City ist ein grossgewachsener spitzbübischer Amerikaner in Jeans, T-Shirt und indischen Lederbändchen am Arm. Im Park über der Aare in Solothurn zündet er sich zuerst mal eine Zigarette an, setzt sich elegant auf den Gartenstuhl und schaut sein Gegenüber aus leicht zusammengekniffenen grün-braunen Augen an: «What do you want to know?» – «Was wollen Sie wissen?»

Hühnerhaut beim Lesen

Alles möchte ich wissen. Alles, Mr. Cunningham. Warum Sie immer etwas düstere Bücher schreiben? Wie sie diesen leicht schwebenden melancholischen Unterton hinkriegten in ihrem Bestseller «The Hours», für den Sie den Pulitzer-Preis bekamen? Und warum Sie mit diesen geschriebenen Worten noch Jahre später bei ihrer Leserschaft Hühnerhaut erzeugen?

Doch beginnen wir banaler: Warum, Herr Cunningham, sind Sie einer Einladung an die Solothurner Literaturtage gefolgt?

«Ich unterrichte in New York und habe mein Semester abgeschlossen», sagt er. Da kam ihm die Anfrage von Solothurn gerade recht: «Ich dachte: Oh ja – ein paar Tage in der Schweiz, unter Bücher lesenden Menschen: Danke Gott!»

Michael Cunningham wollte nicht Schriftsteller werden, sondern bildender Künstler. Aber ihm fehlte das Talent. «Ich merkte, dass ich kein Händchen habe fürs Zeichnen. Der Künstler Robert Rauschenberg konnte mit einem Strich eine Geschichte erzählen. Ich nicht. Das hat mich frustriert.»

Ein unerwarteter Bestseller

Und so fing Michael Cunningham an zu schreiben, denn Makramee war nicht sein Ding. Als er 1998 seinen Roman «The Hours» («Die Stunden») veröffentlichte und über Nacht zum gefeierten Schriftsteller avancierte, hätte niemand damit gerechnet – er zuletzt.

«Weder mein Agent noch mein Lektor erwartete einen solchen Erfolg», sagt Cunningham. «Was wiederum zeigt: Niemand weiss wirklich, von was er spricht – da kann man als Autor geradesogut schreiben, was man will.»

«The Hours» avancierte zum Bestseller und wurde verfilmt mit Nicole Kidman, die für ihre Rolle der Virginia Wolfe mit aufgepappter Nase 2003 einen Oscar gewann.

Eine Kindheit in den Suburbs

Aufgewachsen ist Michael Cunningham in einem Einfamilienhaus in Los Angeles. Seine Mutter war Hausfrau, der Vater ging jeden Tag zur Arbeit. Eine langweilige, idyllische Kindheit. Kein Stoff für einen Dramatiker. «Ich wollte Leute treffen, die nicht weiss und 1.80 gross sind», sagt der Autor.

Nach seiner behüteten Jungend mit Mama, Papa und Schwester lebte Michael Cunningham zuerst in Colorado auf der Suche nach der Naturverbundenheit und landete dann in New York. In diesem Schmelztiegel der Nationen wird er seit 25 Jahren konfrontiert mit seinem eigenen Ich. «Sich selber empfindet man als wichtig, aber im Grunde ist jeder von uns ein kleines Nichts in dieser Welt. Das macht mich demütig.»

Michael Cunningham hat inzwischen sechs Romane publiziert, schreibt Drehbücher für Hollywood und ist Professor für Creative Writing an der Yale Universität. Seine Beziehung zu ersten Sätzen ist seit seinen Anfängen als Schriftsteller dieselbe geblieben: Der erste Satz ist die DNA des Buches.

Auseinandersetzung mit seinen Lesern

Sein neuster Roman beschäftigt sich mit einem Ungläubigen, der erleuchtet wird und sein Leben in Frage stellt. Inspiration holte sich Michael Cunningham bei seiner Mutter, die Katholikin war.

An den Solothurner Literaturtagen las Michael Cunningham aus seinem neuen unveröffentlichten Roman. «Schreiben ist ein Dialog zwischen Autor und Publikum». Deshalb liest Michael Cunningham nicht mehr aus publizierten Romanen. Das langweilt ihn. Viel mehr interessiert ihn die Auseinandersetzung mit seiner Leserschaft.

Sex, Drogen und der Tod

Vier Tage weilte der 61jährige Michael Cunningham in Solothurn und gönnte sich zwei kurze Abstecher nach Zürich, um die dortige Kunstszene auszuchecken. Noch immer scheint der preisgekrönte Schriftsteller seiner ersten Liebe, der Kunst, nachzutrauern. So schrieb er auch in seinem letzten Roman «By Nightfall» über einen Galeristen in New York City, der sich kopflos in den drogensüchtigen Bruder seiner Ehefrau verguckt und darob vollends den Boden unter den Füssen verliert. Auch wieder so ein Cunningham-Buch, das lange nachschwingt. Und so darf man sich freuen auf seinen nächsten Roman über Sex, Drogen und den Tod.

«Give me your card and I’ll send you a copy of my new novel», verspricht mir Michael Cunningham und entschwindet beschwingt im Pulk der Festivalbesucher der 35. Solothurner Literaturtage.

Mehr Besucher

Die erste Ausgabe der Literaturtage unter der neuen Leitung von Bettina Spoerri war erfolgreich. Die Besucherzahl lag mit 15'000 deutlich über dem Niveau der Vorjahre.

Zu den Höhepunkten zählten die Veranstaltungen mit dem US-Autor Michael Cunningham und dem Friedenspreisträger Péter Esterházy, ebenso die Hommagen für Mani Matter und Jörg Steiner.