Solothurner Literaturtage: Klang und Stimmen statt Verstimmung

Die 36. Solothurner Literaturtage sind Geschichte – unter dem Motto «Stimmen, Voix, Voci, Vuschs» sind rund 100 Autoren, Übersetzerinnen und Performer vor das Publikum getreten. Für Organisatorin Reina Gehrig waren es die ersten Literaturtage. Wie blickt sie auf «ihr erstes» Festival zurück?

Noch vor knapp einem Jahr sah es so aus, als stehe der traditionsreiche Schweizer Literaturanlass vor einem Scherbenhaufen: Mit viel Getöse warf die damalige Geschäftsleiterin Bettina Spoerri das Handtuch – nach nur einem Jahr im Amt. Sie erhob heftige Kritik an die Adresse der verantwortlichen Gremien: Die Organisationsstrukturen seien viel zu schwerfällig und ineffizient und einem zeitgemässen Festival überhaupt nicht mehr gewachsen.

Kurzfristig wurde dann die erst 30-jährige Reina Gehrig als Interims-Leiterin bestellt, die bei der Organisation von Festivals schon etliche Erfahrung gesammelt hatte – u.a. als Projektkoordinatorin des Kulturherbsts Winterthur. Als Berater wurde ihr der Literatur-Fachmann Beat Mazenauer zur Seite gestellt. Gemeinsam mit der Programmkommission hatte dieses Team die Aufgabe, die Solothurner Literaturtage 2014 auf die Beine zu stellen.

Kein einfacher Start

Reina Gehrig, Sie hatten keinen einfachen Start nach dem plötzlichen Abgang von Bettina Spoerri. Wie haben Sie es geschafft, nach all den Querelen und Aufregungen, wieder Ruhe in den Betrieb zu bringen?

Reina Gehrig: Als ich hier angefangen habe, hatte ich das Gefühl, Brachland zu betreten – so, wie es halt jeweils nach einer Explosion aussieht. Zum Glück brachte ich schon Erfahrung im Organisieren eines Anlasses dieser Grösse mit. Ich wusste deshalb auch, was ich brauche, um dies für mich organisatorisch hinzukriegen. Dank der Programmkommission verfügte ich über ein gutes Netzwerk in der Literaturszene. Da sitzen ja sehr kompetente Leute.

Und ich war in meinem Amt nicht alleine: Mir zur Seite in der Geschäftsleitung stehen Beat Mazenauer und Franco Supino, die mich enorm unterstützt haben.

Die Literaturtage überdenken

Diese diversen Gremien im Hintergrund – Programmkommission, Geschäftsleitung – waren ja gerade ein Punkt, den Ihre Vorgängerin Bettina Spoerri moniert hat: Dies Struktur sei schwerfällig und nicht mehr zeitgemäss. Wurden aus dieser Kritik auch Konsequenzen gezogen?

Ja, eine Konsequenz ist zum Beispiel, dass ich interimistisch für zwei Jahre angestellt bin. In diesen zwei Jahren hat sich der Vorstand nun zum Ziel gesetzt, die Organisation der Solothurner Literaturtage zu überdenken. Natürlich müssen dann Änderungsvorschläge wieder von der Generalversammlung verabschiedet werden. Das ist im kommenden September der Fall.

Im Zentrum der Literaturtage standen auch dieses Jahr die klassischen Lesungen. Es gibt Stimmen, die sagen, so etwas sei heute nicht mehr zeitgemäss. Wie stehen Sie dazu?

Natürlich sind Lesungen noch zeitgemäss. Die Solothurner Literaturtage sind ein Forum für Autorinnen und Autoren aus allen Landessprachen. Und deshalb sind Lesungen alles andere als überholt.

Qualität steht weiterhin im Vordergrund

Es gibt Leute wie zum Beispiel der Bestseller-Autor Frank Schätzing, der multimediale Shows auf die Bühne bringt im Stil von Hollywood-Blockbustern. Wäre so etwas auch in Solothurn denkbar?

Für die Programmkommission steht immer die Qualität des Textes im Vordergrund. Wenn es darunter Autoren hat, die ihre eigenen Vorstellungen von Performance haben, kann ich mir durchaus auch multimediale Präsentationen vorstellen. Aber sicher bekommt keiner eine Einladung, nur weil er eine bombastische Show auf die Bühne bringt, aber den literarischen Kriterien nicht genügt. So funktioniert es bei uns nicht.

«Stimmen» waren das diesjährige Festival-Motto: Welche Stimme hat Sie persönlich denn am meisten überzeugt?

Mir gefällt das Bild des Chors. Es ist nicht eine einzelne Stimme, die da überzeugt oder raussticht. Und ich hatte auch nicht Gelegenheit mir alle Stimmen anzuhören. Leider.

Sie wollen es jetzt allen recht machen – entscheiden Sie sich doch bitte.

Nun denn – ich fand die Stimmen aus dem Osten sehr beeindruckend, wie jene von Katja Petrowskaja oder Jaroslaw Rudisch. Sie haben ein Fenster geöffnet zu einem anderen Winkel von Europa und haben schöne Vergleichsmöglichkeiten und Bezugspunkte auch zur Schweizer Literatur geliefert.

Auftrittsmöglichkeit für einheimische Autoren

Im Vergleich zu früher nahmen deutlich weniger Gäste aus dem Ausland teil. Auch fällt der Verzicht auf grosse Namen auf – war dies ein bewusster Entscheid?

Wir waren mit der Situation konfrontiert, dass der diesjährige «Schweizer Jahrgang» sehr reich und vielfältig war – vielleicht eine Folge der grossen Schweizer Präsenz auch an der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Deshalb haben wir uns entschieden, primär den einheimischen Autorinnen und Autoren eine Auftrittsmöglichkeit zu geben.

Die Schweiz steht in einem schwierigen Umfeld, die Beziehungen zur Europäischen Union waren schon besser. Bundesrat Alain Berset hat in seiner Rede in Leipzig die Literaten dazu aufgerufen als Botschafter die Schweiz in ihrer Widersprüchlichkeit darzustellen. Wäre es denkbar, das nächste Mal gezielt europäische Politikerinnen und Politiker nach Solothurn einzuladen?

Warum nicht? Darüber könnte man nachdenken. Aber primär soll Solothurn ein Treffpunkt sein für Literaten und nicht für Politiker. Schön, wenn uns auch Politikerinnen und Politiker besuchen, aber sie stehen sicher nicht im Fokus.

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