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Literatur «Sommer in Maine»: Vier Frauenporträts ohne Klischees

Mit dem Roman «Sommer in Maine» hat die Autorin J. Courtney Sullivan vier tolle Frauen-Porträts geschaffen, die ohne Klischees auskommen. Sie beschreibt Gedanken und Verhalten der Protagonistinnen so präzis und sensibel, dass sich die Leserin in der einen oder anderen Situation bestimmt wiederkennt.

Aquarell: Frau sitzt am Strand
Legende: Ein Sommer, der viele Familiengeheimnisse zu Tage fördert: «Sommer in Maine» Ausschnitt Cover

Schauplatz ist ein altes Haus an der Küste von Maine. Mit verwitterten Holzschindeln, neben der Eingangstür gestapelten Sonnenliegen und dem Ozean im Hintergrund. Dieses Haus gehört seit Jahrzehnten der Familie Kelleher, die sich hier jedes Jahr in den Sommerferien trifft. Früher einmal war es das Paradies: Tomaten frisch vom Strauch ernten, im Freien duschen, am Strand picknicken, abends bis tief in die Nacht irische Lieder singen. Aber das alles gehört längst der Vergangenheit an.

Vergangene Idylle

Zum Teil sind die Kellehers zerstritten, zum Teil so mit dem eigenen Leben beschäftigt, dass sie unempfänglich geworden sind für alles, was sie nicht selbst unmittelbar betrifft. Und doch will es der Zufall, dass sich vier Frauen aus drei Kelleher-Generationen im alten Haus am Meer treffen:

Die Matriarchin Alice, die alles dafür geben würde, um eine einzige tragische Nacht in ihrem Leben vergessen zu machen. Ihre Tochter Kathleen, das schwarze Schaf der Familie, die, gemeinsam mit einem Althippie, voller Leidenschaft eine Würmer-Farm bewirtschaftet. Kathleens Tochter Maggie, die ungewollt schwanger geworden ist und eine Zukunft als alleinerziehende Mutter auf sich zukommen sieht. Und Ann-Marie, die mustergültige Schwiegertochter von Alice, die gerne Puppenhäuser bastelt und vor dem Zerfall ihrer Familie die Augen verschliesst.

Alle vier müssen einen Weg finden, um mit dem eigenen Leben und dem Rest der Familie klarzukommen – und sie tun das auf ganz unterschiedliche Weise. Anhand der vier Frauenfiguren stellt J. Courtney Sullivan in ihrem Roman «Sommer in Maine» grundsätzliche Fragen: Soll man sich mit dem, was man hat, zufriedengeben? Wann ist es an der Zeit, etwas radikal zu verändern? Wieweit darf man egoistisch sein?

Man will bleiben, bis der Sand abkühlt

Wer gerne sogenannte «Frauenromane» liest, aber bei der Lektüre gerne mehr Tiefgang hat als die Auseinandersetzung mit Kleiderfragen, Flirts und untreuen Männern – dem sei die Lektüre von «Sommer in Maine» ans Herz gelegt. «Sommer in Maine» ist ein Roman, der ohne grosse Ereignisse, Dramen oder Höhepunkte auskommt. Spannend ist er trotzdem, weil man wissen will, wie sich die einzelnen Figuren verhalten und welchen Weg sie für sich wählen. Wie eine Kritikerin einmal treffend festgestellt hat: «Man will nicht, dass der Roman endet. Man will mit den Kellehers bleiben, den ganzen August, bis der Sand abkühlt, die Segelboote verschwinden und das allerletzte Geheimnis ausgegraben wurde.»

Buchhinweis

J. Courtney Sullivan: «Sommer in Main», Deuticke Franz Verlaggesellschaft, 2013.