SRF-Hörspiel-Nacht: Eintauchen in eine Radiokunstform

Im Hörspiel, der einzigen genuinen Kunstform des Radios, gibt es grundverschiedene Formen – alle eng verwoben mit der technischen Entwicklung. In der Hörspiel-Nacht «Kuss & Biss» hört man, wie unterschiedlich Hörspiele sein und tönen können. Da wird gegurrt, gebuhlt, gestöhnt und gewimmert.

Diverse Gegenstände wie Tassen, Klingeln, Gläser auf einem Tisch, dahinter eine ältere Frau mit Mikrofon, die einen Text lieste.

Bildlegende: Szene von der SRF-Hörspielnacht: Klingende Gegenstände und «Geräusche-DJ» Isabel Schaerer, SRF-Hörspielregisseurin. Sava Hlavacek

Nicht nur die Freude an «immer nur dem Einen» ist Thema während der Hörspiel-Nacht, sondern auch die Freude am Hören von Geschichten, am Belauschen von Szenen und an Überraschungen durch ungewöhnliche Klänge. Denn grundverschiedene Hörspielformen haben sich in den letzten 90 Jahren, also seit es das Radio gibt, herausgebildet.

Überschaut man die Hörspielgeschichte, kann man feststellen, dass schon ganz zu Anfang, in den 1920er Jahren, die meisten Formen der Produktion, der Verarbeitung und der Abhörsituation ausprobiert oder zumindest angedacht worden sind. Seither wiederholen sich die immer selben Diskussionen um künstlerische Form und um gesellschaftliche Bedeutung der Gattung auf jedem neu erreichten technischen Stand.

Am Anfang war das Wort live

Regisseur Buschi Luginbühl hat für die SRF-Hörspiel-Nacht 2013 ein Sprech-Ensemble zusammengestellt: Hanspeter Müller-Drossaart, Susanne-Marie Wrage, Raphael Clamer und Jeanne Devos werden ihre Vorlagen live vor dem Sendemikrofon spielen.

Damit hat Luginbühl den Schritt zurück zur ursprünglichen Präsentationsform des Hörspiels gemacht. Auch diese ging live über den Sender. Am 3. August 1922 ist in den USA ein Hörspiel mit dem Titel «Der Wolf» live ausgestrahlt worden. Die Darstellenden sollen sogar Kostüme getragen haben.

Parallelen zum Theater

Die Textvorlagen für die SRF-Hörspiel-Nacht von Peter Stamm, Alex Capus und Boris Vian erzählen augenzwinkernd von Liebe, Sex und wie es nicht dazu kommt. Regisseur Luginbühl hat die Proben zwei Tage vor dem Anlass angesetzt und eine Generalprobe kurz vor Sendebeginn: ein «heisser Durchlauf» mit allen Einspielungen und Live-Geräuschen. Die Nähe zum Theater ist unübersehbar. Die Gattung Hörspiel entstand tatsächlich vor der Möglichkeit zu Hörspielaufnahmen. Zwar gab es bereits Tonträger, aber ihre Nutzung war aufwändig und für Hörspielzwecke nicht handlich genug.

Tri-Ergon Lichtton-Aufzeichnung

Bildlegende: Tri-Ergon Lichtton-Aufzeichnung, 1922. medienkunstnetz.de

Darum wissen wir nicht, wie Hörspiel anfänglich geklungen hat. Rückschlüsse erlauben Aufnahmen mit Rezitationen grosser Schauspieler auf Schellackplatten. Sowohl der deklamatorische Stil als auch die Notwendigkeit lauten Sprechens bei der beschränkten Leistungsfähigkeit der damaligen Mikrofone lassen auf eine Sprechweise schliessen, die uns heute wohl sehr fremd wäre. Aber nicht nur der Geschmack, sondern auch die heutige Technik erlaubt und empfiehlt die Nähe zum Umgangston.

Parallelen zum Film

In der Pionierphase des Radios wurde bereits über Möglichkeiten von Schnitt und Montage nachgedacht. Das Hörspiel entstand praktisch zeitgleich mit dem Tonfilm, und es waren Avantgardefilmer wie Walter Ruttmann, die von einem modernen Hörspiel träumten.

Ruttmann verwendete das «Tri-Ergon-Verfahren», bei dem akustische in optische Signale umgewandelt und auf lichtempfindliche Filmstreifen aufgenommen wurden. Seine Tonmontage «Weekend» von 1930 reiht akustische Sequenzen aneinander, wie etwa kubistische Künstler Materialien in ihren Collagen, und stellt damit ein Stück moderner Freizeit dar.

Der «Volksempfänger» aus dem Jahr 1933.

Bildlegende: Der «Volksempfänger» Typ VE301W, 1933. Das Radio gilt als eines der wichtigsten Propagandainstrumente im Dritten Reich. Wikimedia

Als Gegenpol zu den theatralischen Darbietungen vor dem Mikrofon markierten solche Werke die Spannweite der Gattung Hörspiel. Bis heute steht die konkrete, dialogisch oder monologisch erzählte Geschichte den Werken im Bereich Audio-Art gegenüber. Aber die avantgardistischen Ansätze wurden in Deutschland bald als «entartet» verschrien und verboten: Ab 1933 war Schluss mit dem Experimentieren. Denn «als der Rundfunk sich anschickte, seine Kinderschuhe abzulegen, wurden ihm die SA-Stiefel angezogen», wie der Schriftsteller und Radiopionier Hermann Kasack sagte.

Avantgardistische Autoren und Komponisten, aber auch Vordenker der nicht nur technisch neuen Institution Radio wurden inhaftiert (Hans Flesch), mussten ins Exil (Bertold Brecht, Kurt Weill, Walter Benjamin), mogelten sich durch (Karl Sczuka) oder passten sich an (Walter Ruttmann).

Freiheit durch Tonband und Digitalisierung

Zwischen den beiden Polen von Tradition und Avantgarde entwickelte sich eine grosse Formvielfalt aufgrund ganz unterschiedlicher Produktionsmethoden. Diese wurden möglich durch die Erfindung des Tonbandes: Es kam in Deutschland 1941 auf den Markt, in der Schweiz wurde es 1949 eingeführt. Mit seinem Nachfolger, der digitalen Audiodatei (in den SRF-Hörspielstudios ab 1997), teilt es eine grösstmögliche Flexibilität in Aufnahme und Bearbeitung: Fehler können herausgeschnitten, beste Passagen aus verschiedenen Durchläufen zusammengeschnitten, Geräusche und Musik in allerfeinster Abstimmung unterlegt werden.

Das zeigen zwei Produktionen, die parallel auf SRF 1 und SRF 2 Kultur als Einstimmung in den Hörspielabend gesendet wurden. Hansjörg Schertenleibs Hörspiel «Liebeszeugs» fächert die menschliche Liebesbedürftigkeit in einem szenischen Kaleidoskop auf. Jens Nielsens Hörspiel «Immer stimmt das dann plötzlich» entstand im Studio innerhalb von drei Tagen, in denen der Autor fortlaufend schrieb und den Text stückweise an das Ensemble gab, das ihm vorspielte, was er gerade vollbracht hatte und ihn zur Fortsetzung seiner Arbeit animierte.

Geschichte des Hörens

In den ersten Jahren des Radios war Hören nur mittels Kopfhörern möglich. Um 1926 kamen Lautsprecher in Gebrauch, was freies Bewegen im Raum während des Radiokonsums erlaubte – und ein gemeinsames Hören in Gesellschaft. Älteren Menschen ist das nationale 12.30-Uhr-Ritual noch in Erinnerung, das absolute Stille am familiären Mittagstisch verlangte für die «Nachrichten der schweizerischen Depeschenagentur».

Die Stereophonie wurde in den 1950er Jahren entwickelt. Sie fixiert die optimale Abhörsituation in der Mitte vor zwei Boxen oder empfiehlt als Alternative wieder die Kopfhörer. Letztere isolieren die Lauschenden von ihrer jeweiligen Umgebung: Man ist da, und man ist zugleich nicht da.

Mittlerweile wechseln sich Techniken im Slalom zwischen Kopfhörern und Raumbeschallung ab: Die Quadrophonie, Kunstkopfstereophonie, 5.1-Technik und der neuste Ansatz: Headphone Surround 3D. Sie alle bemühen sich darum, die Hörenden mit Klangwerken dreidimensional zu umgeben, sie also in virtuelle Räume zu setzen. Kostproben davon für die Hörerinnen und Hörer zuhause bildeten den Abschluss der SRF-Hörspielnacht.

SRF-Hörspiel-Nacht

SRF 1 und SRF 2 Kultur sorgen am Samstag, 26. Oktober, ab 20 Uhr für wohlige Schauer. Mit Hörspiel-Szenen voller Leidenschaft, gespielt von Hanspeter Müller-Drossaart u.a. Dazwischen Liebes-Literatur-Talk mit Milena Moser und Stefan Zweifel. Ein ganzer Abend voller Liebe, Lust und Literatur – live aus dem Radiostudio Zürich.

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