Stadt der Spione: Was 7000 Agenten über Wien aussagen

Die Wiener seien die geborenen Agenten. Das behauptet der österreichische Polit-Journalist Emil Bobi in seinem Buch «Die Schattenstadt. Was 7000 Agenten über Wien aussagen». Dass Wien bei Geheimdiensten aus aller Welt dermassen beliebt ist, liegt an den Arbeitsbedingungen – und am «Wiener Schmäh».

Zwei Schatten von Geheim-Agenten.

Bildlegende: In Wien treffen sich Geheimagenten aus aller Welt. Getty Images

Wien ist eine Agentenstadt. Um diese These dreht sich «Die Schattenstadt», das Buch des österreichischen Politjournalisten Emil Bobi. Gründe für diese These hat er einige. Einer davon ist die Lage. Die Stadt liegt sehr weit im Osten, gehört aber zu Europa. Die Grenzen sind nah. Unzählige internationale Organisationen – unter anderem die UNO, OSCE, OPEC – haben hier ihren Standort.

Als Hauptstadt der Donaumonarchie und damit eines Vielvölkerstaates war Wien schon früh ein Anziehungspunkt für Menschen aus unzähligen Ländern. Man ist also den Umgang mit Fremden gewohnt. Und: Österreich ist neutral, seine Gesetze verbieten die Spionage nicht, ausser sie richte sich gegen Österreich selbst.

Der «Wiener Schmäh» als Geschäftsgrundlage

Die Wiener Gesellschaft ist lebenslustig und tolerant. Sie liebt Geschichten und beherrscht die indirekte Kommunikation – konkret: den «Wiener Schmäh».

Man sagt etwas, aber nicht direkt. Man drückt sich halbironisch aus, so dass man immer noch sagen kann: «Ich hab' das ja gar nicht so gemeint» – oder man legt nach und nähert sich sozusagen «über die Bande». Den «Schmäh führen» ist Spiel und Ernst zugleich. In unsicheren Zeiten hat sich diese Art, Fremden zu begegnen, als äusserst clever erwiesen. Ganz besonders, wenn man noch nicht weiss, ob man ihnen trauen kann oder nicht. Beste Voraussetzungen für Spione also.

Zeitung lesen brachte Geld

Emil Bobi beschreibt in seinem Buch insbesondere die Zeit während des Ersten und Zweiten Weltkriegs und auch die Nachkriegszeit, in der es vielen Wienern sehr schlecht ging. Das Zuliefern von Informationen an Geheimdienste wurde für viele zur Einnahmequelle.

Das funktionierte deswegen so gut, weil viele Geheimdienst-Beamte keine Schulbildung hatten und keine österreichischen Zeitungen lasen. Viele Wiener konnten sich also nur schon ein Zubrot verdienen, indem sie Agenten erzählten, was schon in der Zeitung stand.

Der beliebte Bürgermeister, ein Doppelagent?

In Bobis Buch finden sich auch Auszüge aus tschechischen Geheimdienst-Protokollen. Sie belegen, dass der langjährige und allseits beliebte Wiener Bürgermeister Helmut Zilk jahrelang Informationen an den Osten verkauft hat.

Und nicht nur das: Als diese ehemaligen Agenten vor einigen Jahren aufflogen, blieb er als einziger unbehelligt. Das wurde als Zeichen gedeutet, dass Zilk auch im Dienst der USA gestanden haben muss. Das Buch liefert einige Indizien, die diesen Verdacht untermauern.

Wo sich Agenten treffen: der Flughafen Wien-Schwechat

Wien war und ist auch die Stadt, in der Agenten ausgetauscht werden. Der grösste Austausch seit dem kalten Krieg fand hier im Juli 2010 statt: Eine Militärmaschine aus Moskau brachte vier US-Spione, eine amerikanische Maschine zehn russische. Das Ganze ging ein paar Minuten – ohne Formalitäten.

Ein besonders beliebter Treffpunkt ist bis heute der Transitbereich des Wiener Flughafens. Manche Agenten fliegen um die halbe Welt, um sich hier ungestört zu treffen.

Informationsaustausch im stillen Örtchen

Für sein Buch hat der Autor verschiedene Fachleute interviewt – unter anderem Historiker, Kulturwissenschaftler, ehemalige Staatsbeamte, Psychologen. Aber auch ein CIA-Agent und ein Agent der damaligen CSSR und ein Kabarettist kommen zu Wort.

Einer der Interviewten ist Alfred «Django» Rupf. Er war von 1973 bis 2008 der Chef der Wiener Flughafen-Polizei. Von ihm stammt die Beschreibung, wie auf den Toiletten Dokumente ausgetauscht wurden. Die Unterlagen wurden in wasserdichten Metallkapseln verpackt und in ausgewählten WC-Schüsseln deponiert. Wenn also erst einer aus der Kabine kam, der nicht gespült hatte, und gleich darauf einer hinein ging, konnte man davon ausgehen, dass letzterer der Empfänger der geheimen Papiere war.

Spannend und vergnüglich

Emil Bobis Buch bietet eine Art Kaleidoskop zum Thema Geheimdienste in Wien. Die «Schattenstadt» ist ein Buch über einen Aspekt der Zeitgeschichte, der üblicherweise im Verborgenen bleibt. Und weil die meisten Beteiligten nebst ihrem Wissen auch eine gehörige Portion Wiener Schmäh einbringen, ist die Lektüre nicht nur informativ und spannend, sondern über weite Strecken auch erstaunlich vergnüglich.

Zum Autor

Zum Autor

Emil Bobi ist ein österreichischer investigativer Journalist (geb. 1958). Zuletzt war er 15 Jahre beim österreichischen Nachrichtenmagazin «profil» und deckte innenpolitische und gesellschaftlich relevante Affären auf. Seine Recherchen zwangen einen Minister und einen Bischof zum Rücktritt.

Buchhinweis

Emil Bobi: «Die Schattenstadt. Was 7000 Agenten über Wien aussagen», Ecowin Verlag, 2014.

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