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Literatur Szenen, Pointen, Fragezeichen: eine Lebensarbeit für das Hörspiel

Ein Gentleman nimmt seinen Hut. Nach vier Jahrzehnten Hörspielarbeit geht Stephan Heilmann, Regisseur, Dramaturg und Redaktor bei Radio SRF in Pension. Einige Glanzlichter seines Schaffens gibt es in den Hörspielterminen vom April auf SRF 2 Kultur.

Porträt von Stephan Heilmann, der Brille ein weisses Hemd trägt.
Legende: Sorgte für gestochen scharfe Situationsbeschreibungen und Figurenzeichnungen: Stephan Heilmann. SRF

Mit Stephan Heilmann verabschiedet sich ein Meister der klaren Analyse vom Studioalltag, der in persönlichen Umständen immer auch das Politische sieht und das Politische immer auch persönlich nimmt. Er ist ein Engagierter, der Handlungen und Haltungen kritisch prüft, ohne Feindbilder zu machen. Dazu ist er zu sehr Gentleman.

Genauigkeit als Anstand

Ein Überblick über sein Lebenswerk zeigt sein starkes Interesse an der soziologischen Seite des menschlichen Schicksals. Im Zentrum vieler Produktionen stehen gesellschaftlich Benachteiligte, Menschen, die mit ihren alternativen Lebensformen anecken oder durch normferne Neigungen verfemt sind, aber auch Sonderlinge, die durch ihre Schrulligkeit die komische Seite des Daseins hervorheben.

Neben einem grossen Flair für das Groteske ist unbedingt eines zu nennen, wenn von Stephan Heilmann die Rede ist: die Genauigkeit in der Wahrnehmung von Dingen und im Sprechen über die Dinge, eine Genauigkeit, die nichts zu tun hat mit Beckmesserei, sondern mit der Redlichkeit der Welt gegenüber. Es ist die Genauigkeit als Anstand.

So hat er ein Arbeitsleben lang für gestochen scharfe Situationsbeschreibungen und Figurenzeichnungen gesorgt, durch seine Auswahl der Texte, der Darstellenden und durch seine immer sorgfältige und präzise Regie. Anregendes, Nachdenkliches, Verblüffendes und hinreissend Komisches kann man in seinem Werk geniessen.

Die seltsame Population

Eigenartige Figuren bevölkern in der Tat Heilmanns Hörspiele: schräge Vögel, die näher bei der Normalität sind, als die Normalen das gerne hätten, und normale Leute, die in eine eigentümliche Schräglage geraten sind. Man könnte beinahe den Eindruck gewinnen, die Grammatik des Lebens sei von einem Surrealisten erfunden worden, und zwar von einem mit zuweilen ziemlich schwarzem Humor.

Der fragliche Zusammenhalt

Wir begegnen in der Ursendung des Hörspiels «Wo wir sind» von Lorenz Langenegger sechs Leuten in einem nächtlichen Park. Einige haben intim miteinander zu tun, andere wollen nichts miteinander zu tun haben: Für die reichhaltige Palette der Verständigung zwischen Ab- und Zuneigung, zwischen falsche und stimmige Tönen hat Heilmann ein besonders feines Gehör. Darin treffen sich der Dramatiker und der erfahrene Radiomann.

Da darf es schon mal herzzerreissend zugehen: «Mein Kind. Was machst Du denn hier mitten in der Nacht, und ganz allein? Du zitterst ja.» – «Lassen Sie mich.» – «Du weinst doch nicht etwa? Kind, Kind, Kind. Was ist denn passiert» – Da hat ein Schweizer Autor auf behutsame Weise Begriffe wie «Gesellschaft» und «Kommunikation» in Frage gestellt.

Die Zumutung Eltern

Auf dem Programm steht auch ein schrulliges, junges Paar. Es erwartet die Eltern zu Besuch, die es zu deren silbernen Hochzeit eingeladen hat. Und das kann nicht gut gehen. Zumindest nicht im Hörspiel «Silberne Hochzeit» des Basler Dramatikers Lukas Holliger.

In der Nacht vor dem Anlass wird in schlafloser Zweisamkeit Bilanz gezogen: Tochter: «Wir haben einmal schöne Nächte verbracht. Eigentlich die schönsten.» – Gatte: «Ja.» – Tochter: «Seither hängt die Messlatte hoch.» – Gatte: «Das Glück hat Grenzen. Man schlägt sich irgendwann den Kopf an.»

Regisseur Stephan Heilmann hat das Stück u.a. als «eine Komödie...über die Zumutung Eltern...» bezeichnet. Und das wird schon bei Mutters Auftritt klar. Der leiseste Gedanken an Familienglück gerät ins Schwanken, so dass man – wie Kafka es einmal formuliert hat – «die Seekrankheit auf festem Lande» bekommen kann. Auch die kongeniale Musik von Martin Schütz trägt ihren Teil dazu bei.

Unheimliche Nachbarschaft

Wieder ein Paar, wieder Besuch, wieder Ärger. Sabine und Martin führen eine nette Durchschnittsbeziehung ohne störende Untiefen. Nur Nachbarin Cara sägt mit ihrer geschwätzigen Art ganz mächtig am Beziehungsast.

Spiessertum und Zweisamkeit bekommen in der sprachgewandten Komödie «Das Sofa» von Simon Borowiak ordentlich ihr Fett ab. Doch erst in der Hörspielproduktion von Stephan Heilmann entfaltet dieses Beziehungsdrama seine volle Pracht. Heilmann lässt die Figuren zwar zappeln, aber nie untergehen. Keine Kalauer, sondern der genüssliche Abrieb zu hoch gesteckter Ambitionen. Und am Ende gewinnen – wie so oft in Stephan Heilmanns Hörspielen – die Eigensinnigen und Widerborstigen.

Auch die Mundarthörspiele unter der Regie von Stephan Heilmann sind aussergewöhnlich – weil sie weit entfernt sind von volkstümlichen Anbiederungen und musealen Harmlosigkeiten. Heilmann lässt die Schauspieler mit der Sprache ringen, mit der Sprache spielen und manchmal auch die Sprache verlieren.

Die Ergebnisse klingen bisweilen so spielerisch und leicht, dass man meinen könnte, hier hätte tatsächlich jemand im Hörspielstudio gezaubert. Zum Beispiel in «D Zeeche vo de Elfe» von Urs Widmer.

Schrittchen nirgendwohin

Vier Stimmen richten sich in «Mirlitonnades» von Samuel Beckett an uns. Sie tragen ganz knappe, auf das absolute Minimum reduzierte Aussagen auf Französisch und auf Deutsch vor. Das ist kein Wort zu viel. Da tröstet allerdings auch kein Wort. Die Sätze sind wie Wegweiser ins Nichts.

«Mirlitonnades» ist eine Beckett'sche Worterfindung; le mirliton: das Näselhäutchen ist ein primitives Musikinstrument, das zwischen den Fingern gehalten die Stimme des Dagegensprechenden oder -singenden mitschwingend umfärbt.

Dass Stephan Heilmann diese Texte dieses Autors ausgesucht hat, ist bezeichnend für ihn. Denn bei Beckett gibt es keine grossen Töne, keine vollmundige Rhetorik.

Aus «Zukunftsperspektiven», «Nachhaltigkeit», oder aber «Management by Objektives» wird hier: «Schritt um Schritt / nirgendwohin / niemand allein weiss, wie / Schritt um Schritt / nirgendwohin / niemand allein weiss, wie / Schrittchen nirgendwohin / immerzu».

Allerdings freuen wir uns schon auf den Artikel, in dem wir an dieser Stelle die erste Neuproduktion des künftigen Gastregisseurs Stephan Heilmann – und damit ein weiteres Schrittchen in seinem Schaffen – präsentieren können.

Stephan Heilmann

Geb. 1948, studierte Stephan Heilmann zunächst Geisteswissenschaften und arbeitete später als Regie-Assistent im Theater Basel. Durch erste Rollen in Dialekthörspielen fand er den Weg zu Schweizer Radio DRS. Ab Juli 1973 ist er als Hörspiel-Regisseur für DRS 2 tätig. Nach knapp 40 Jahren Radioarbeit geht Stephan Heilmann Ende April 2013 in Pension.