Thomas Mann: Im Geiste Amerikaner, im Herzen Deutscher

Von seinen 80 Lebensjahren verbrachte Thomas Mann 22 Jahre im Exil – 14 Jahre davon in Amerika. Mann liebte das Land und wurde US-Staatsbürger. Im Geiste war er durchaus US-Amerikaner, doch blieb ihm die Kultur seiner Wahlheimat grossenteils fremd. Am 6. Juni wäre er 140 Jahre alt geworden.

Thomas Mann steht vor einem Plattenspieler.

Bildlegende: «Ich habe mir zu wenig Mühe gegeben, in dieser culture Wurzeln zu schlagen» schrieb Thomas Mann 1951 in den USA. Bundesarchiv Deutschland

Thomas Mann liebte und bewunderte die Vereinigten Staaten und er hatte eine Mission: Die USA sollten Hitler vernichten. In seinen Jahren im amerikanischen Exil war er zuerst als «Wanderprediger» gegen den «Führer» und den Faschismus unterwegs.

Erfolgreiches Emigrantenleben

Die Bevölkerung in den USA nahm den Dichter deshalb eher als Hitler-Gegner wahr, und nicht als berühmten Schriftsteller. Thomas Mann traute es nur der Regierung von Franklin Roosevelt zu, Nazi-Deutschland zu besiegen. 1938 ist er von Zürich nach Amerika gegangen. «Er wollte auf der richtigen Seite sein», sagt der deutsch-amerikanische Germanist und Mann-Experte Hans Rudolf Vaget.

Aber der «Buddenbrooks»-Autor musste auch ganz profan Geld verdienen, hatte eine grosse Familie zu versorgen. Das gelang ihm dank harter Arbeit und der Hilfe seiner Gönnerin Agnes Meyer. Die einflussreiche Freundin fädelte lukrative Verträge ein, etwa als Dozent an der Elite-Universität Princeton.

Grossbürgerliches Leben auch in den USA

Thomas Mann lebte sein gewohntes, grossbürgerliches Leben mit Villa und Dienstboten auch in den USA weiter. Auf Vortragstourneen reiste er kreuz und quer durch die USA. Mithilfe seiner bestens vernetzten Freundin Agnes Meyer traf er viele einflussreiche Menschen, darunter mehrere Male auch Präsident Franklin Roosevelt, den er sehr verehrte.

Zu ärmeren Gesellschaftsschichten hatte Thomas Mann keinen Kontakt. Die teils grosse Armut in seiner Wahlheimat kannte er nur aus den Zeitungen, so Professor Hans Rudolf Vaget.

«Ich bin zu sehr geblieben, der ich war»

Ökonomisch gesehen war sein Exil erfolgreich. Aber Thomas Mann vermochte nie ganz in die US-amerikanische Kultur einzutauchen. Ihm entging, wie wichtig in den USA der Sport für die Gesellschaft war: Baseball blieb ihm ein Buch mit sieben Siegeln, Golf erachtete er als für sich «unrichtig», wie Professor Vaget in seinem Buch «Thomas Mann, der Amerikaner» schreibt.

Die amerikanische Musik, Jazz oder Folk und Pop interessierten ihn nicht. «Ich habe mir zu wenig Mühe gegeben, in dieser culture Wurzeln zu schlagen» schrieb er 1951 an einen Mit-Emigranten, «bin zu sehr geblieben, der ich war.» Das sei verständlich, sagt Professor Vaget. Thomas Mann war bereits 63, als er in die USA kam. «Und er musste arbeiten, er musste Geld verdienen.» Deshalb sei ihm vieles entgangen.

Zurück an den geliebten Zürisee

Die zweite Hälfte der USA-Jahre Thomas Manns war überschattet von der Kommunistenjagd. Nach dem Tod des demokratischen Präsidenten Roosevelt im Jahr 1945 wuchs der Einfluss republikanischer Scharfmacher. Thomas Mann wurde vom FBI überwacht und geriet ins Visier der Kommunistenjäger. 1952 ging er zurück an seinen geliebten Zürichsee. Dort starb er, am 12. August 1955, vor bald 60 Jahren.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 5.6.2015, 8.10 Uhr.

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