Tomi Ungerers «Nebelmann»: Geister und Geheimnisse in Irland

Der Elsässer Künstler, Illustrator und Autor Tomi Ungerer hat so wunderbare Kinderbücher geschaffen wie «Die drei Räuber». Sein neustes heisst «Der Nebelmann», in dem Ungerer mit den Legenden seiner Wahlheimat Irland spielt. Es ist ein Buch über Mut und die Wahrheit eigenen Erlebens.

Dieses Irland ist keines aus dem Bilderbuch: Grau und düster hängt ein schwerer Himmel über einer felsig kargen Landschaft. Einzig das Meer leuchtet türkisblau und fröhlich. Es ist ein ländliches Irland aus der Vergangenheit. Im kleinen Dorf leben die Kinder Finn und Cara. Der Vater ist Fischer, die Mutter Bäuerin – die Kinder helfen im Alltag mit, hüten Schafe und geniessen dabei ihre Freiheit.

Sagen um die Nebelinsel

Eine Zeichnung von einem dunklen Berg im Nebel.

Bildlegende: Wie ein verfaulter Zahn aus dem Meer ragend: Titelbild des neuen Ungerer-Buchs. Diogenes Verlag

Eines Tages schenkt der Vater ihnen einen selbstgebauten irischen Kahn, einen Curragh. Ihre Freude ist gross, auch wenn der Vater die beiden ermahnt, in Ufernähe zu bleiben. Denn draussen im Dunst ragt die Nebelinsel wie ein verfaulter Zahn aus dem Meer – ein sagenumwobener, gefürchteter Ort.

Auf offener See verirrt

Glücksgefühle untermalt Ungerer gekonnt mit den dunklen Schatten der Angst. Damit skizziert er in wenigen Strichen eine dramatische Ausgangslage. Und tatsächlich: Eines nebelverhangenen Tages driften die Kinder ab; sie finden sich an den Gestaden der Nebelinsel wieder. Stoff, der Vorschulkindern das Gruseln lehrt – an diese Altersgruppe richtet sich das Bilderbuch.

Doch Finn und Cara haben keine Angst. Im Gegenteil: Neugierig folgen sie einem Pfad. Sie sind beherzt und mutig – und damit typische Ungerer-Helden wie etwa das Mädchen Tiffany aus seinem Bilderbuchklassiker «Die drei Räuber», das sich mit Begeisterung kidnappen lässt. Angst sei wichtig für Kinder, meint Ungerer, nur so lernten sie, diese zu überwinden und Mut zu entwickeln.

Auf der Insel treffen Finn und Cara den Nebelmann. Vom sagenumwobenen Monster keine Spur: Er ist ein freundlicher alter Herr mit ellenlangen grünen Haaren. Den Kindern serviert er Suppe, singt mit ihnen und bereitet ihnen ein warmes Bett.

Spiel mit Realitäten

Doch als die Kinder anderntags aufwachen, ist die Burg eine Ruine und der Nebelmann verschwunden. Und ihr Abenteuer glaubt ihnen zuhause niemand.

War alles nur Traum, ein Nebelgespinst der Phantasie? Hier zeigt sich die Kraft der Geschichte: Ungerer spielt mit den Realitäten. Er nimmt uns mit auf einen Ausflug in ein Reich, das irgendwo zwischen Dichtung und Wahrheit liegt. 

Buchhinweis

Tomi Ungerer: «Der Nebelmann». Diogenes, 2012.