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Jan Böhmermann: Was taugt sein Twitter-Tagebuch?
Aus Kultur-Aktualität vom 10.09.2020.
abspielen. Laufzeit 03:30 Minuten.
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Twitter-Tagebuch Buchautor Böhmermann: «Natürlich steht da viel Blödsinn drin»

Er kann Schmähgedicht, das hat sich selbst in der Türkei herumgesprochen. Aber Jan Böhmermann bespasst die Welt seit Jahren auch per Twitter.

Jetzt bringt der deutsche TV-Satiriker eine Auswahl seiner scharfsinnigen Schnellschüsse als Schmöker mit dem Titel «Gefolgt von niemandem, dem du folgst» heraus. Twitter ist der neue Marktplatz, sagt Jan Böhmermann. Sein Buch versteht er als Literatur.

Jan Böhmermann

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Jan Böhmermann moderierte von 2013 bis 2020 das «Neo Magazin Royale». Mit Olli Schulz moderiert er den Podcast «Fest und flauschig». Diesen Herbst startet seine neue politische Late Night Show im ZDF.

SRF: Böhmermann-Tweets in Buchform: Wie kam's dazu?

Jan Böhmermann: Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich bei Twitter sehr viel Zeit verbringe. Im Dezember 2017 habe ich dann angefangen, die alten Sachen wieder anzuschauen und mich zu fragen, was das eigentlich sei.

Und was haben Sie festgestellt?

Letztlich sind das Tagebuch-Einträge, die ich auf der Bühne vorlese. Um zu sehen, was damit in der Wirklichkeit passiert.

Natürlich ist da viel Scheisse, Impulsives und Unkontrolliertes dabei. Aber es ist auch eine Form von Literatur, die ich greifbar machen wollte.

Twitter ist gegenwärtig der wichtigste Diskursraum der Welt.

Warum sind Sie bei Twitter überhaupt eingestiegen?

Bei Twitter sind nun mal die Leute, die etwas zu sagen haben. Oder die glauben, etwas zu sagen zu haben – Chefredakteure, Journalisten und andere Meinungsmacher.

Ich bin eher aus Neugier da gelandet. Die ersten Jahre habe ich viel Testosteron-gesteuerten Blödsinn abgesondert. Aber wenn man dann die Mechanik versteht, wird es spannend.

Bringt's dieser Böhmermann in Buchform?

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Doch: Das ist Literatur, was Jan Böhmermann in seinem Twitterbuch produziert. Denn wenn die Texte Kurt Tucholskys oder die Sketches Karl Valentins einst als literarisch anerkannt worden sind: Warum soll das für die Tweets eines Jan Böhmermanns nicht gelten?

Klar sind da viele hingerotzte Sätze, besonders die frühen. Aber manche sind doch ziemlich schockierend (vor allem, wenn es um Religion geht) oder provokativ (vor allem, wenn es um Politik geht).

Wichtiger als die literarische Qualität ist für Jan Böhmermann jedoch, ob ein Tweet etwas bewirken kann. Und das kann er, wie er sagt. Das hat mit Twitter als Plattform zu tun.

Wirklich bestechend ist «Gefolgt von niemandem, dem du folgst» dort, wo das Buch uns alle trifft und betrifft. Wenn es etwa als Tagebuch funktioniert und uns an die wichtigen Dinge erinnert, die in den letzten elf Jahren passiert sind. (lusm)

Kann man die Welt beeinflussen auf Twitter?

Meine These ist: Twitter ist gegenwärtig der wichtigste Diskurs-Raum der Welt. Also das, was früher die Zeitungen waren oder der Marktplatz.

Wenn du bei Twitter mit deinen Positionen verfängst, kannst du auch die Position anderer Leute damit berühren. So kannst du Debatte beeinflussen. Das kann sehr radikal sein.

Wie kriegen Sie in Ihre Tweets die literarische Qualität hinein, von der Sie gesprochen haben?

Alles, was man aufschreibt, ist Literatur. Auch die Fäkalsprüche auf Toiletten. Die Frage nach der Qualität stellt sich erst in einem zweiten Schritt.

Natürlich steht in meinem Buch viel Blödsinn drin. Es stehen aber auch ein paar Dinge drin, die einen weiterbringen, wenn man sich die Frage stellt: Was ist eigentlich passiert mit der Welt, der Medienlandschaft oder auch mit den Menschen, die sich in dieser Welt aufhalten?

Ich glaube zwar nicht, dass von mir eines Tages grosse Literatur kommen wird. Aber von anderen Leuten, die in der literarischen Ur-Suppe Twitter etwas ausprobieren.

Welche Tweets haben es ins Buch geschafft – und welche nicht?

Alles, was einen irgendwie unangenehm anfasst, durfte ins Buch rein. Und es schwang immer die Frage mit: Was ist passiert? Wie konnte es nur so weit kommen mit mir, dem Medium und der Welt?

Wenn man sagt, man könne sich an nichts mehr festhalten, ist das ja nicht nur eine Floskel, sondern ein durchaus echtes Gefühl. Diesem Gefühl auf den Grund zu gehen, war auch ein Leitmotiv bei der Auswahl.

Wie hat sich denn die Welt in diesen elf Jahren verändert?

Ab 2015 entstand im deutschsprachigen Raum ein Druck, der sich auch im Internet geäussert hat. Da trat viel Hass zutage. Es sind Erosionsprozesse in der demokratischen Gesellschaft festzustellen.

Die Mittel, mit denen man sich dagegen wehren kann, hätten wir eigentlich schon seit Jahren an der Hand. Es hilft, ein bisschen zurückzutreten und sich mal die letzten Jahre vor Augen zu halten.

Weil man sieht: Meine Befürchtungen treten ein. Mein Gefühl ist das Richtige. Jetzt muss ich nur noch handeln.

Buchhinweis

Jan Böhmermann: Gefolgt von niemandem, dem du folgst. Kiepenheuer & Witsch, 2020.

Werden Sie Twitter treu bleiben?

Ich weiss nicht, was das Buch verändert. Es kann sein, dass es irgendwann langweilig wird, weil das Medium so exponiert ist und diese Spannung verschwindet.

Ich befürchte das nicht. Aber es kann sein, dass ich irgendwann die Lust verliere.

Dann würden Sie aufhören?

Wenn etwas kein Spass mehr macht, muss man immer aufhören.

Das Gespräch führte Michael Luisier.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 10.09.2020, 7.06 Uhr;

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