Über den Glauben an die Phantasie und ihre verändernde Kraft

In «Johnny und Jean» beschreibt die österreichische Autorin Teresa Präauer den Werdegang zweier junger Kunststudenten. Jedenfalls so, wie sie sich in der Phantasie des einen abspielen – denn nie ist der Leser sicher, was wirklich und was erfunden ist. Ein doppelbödiges, lesenswertes Erzählspiel.

Zwi Mädchen halten sich an den Händen: Videoinstallation von Pipilotti Rist

Bildlegende: Ein Video von Pipilotti Rist: Einer der Protagonisten verliert seine Unschuld vor einem Video der Schweizer Künstlerin. Keystone

«Ich stelle mir vor, wie ich als junger Bub auf dem Land lebe.» Ist jemandem zu trauen, der seine Erzählung so beginnt? Die 1979 in Linz geborene Schriftstellerin und Malerin Teresa Präauer hält in ihrem zweiten Roman die Grenzen zwischen Phantasie und Realität jedenfalls bewusst fliessend.

Vielleicht sind nicht einmal die Namen des ungleichen Paars echt: «Ganz sicher heisst hier keiner Johnny und hätte auch auf dem Land keiner Johnny geheissen, aber ich mache mit diesem Namen jetzt einen Anfang in der Stadt.» Und darum geht es: als «blasser Bewunderer» eines Besseren, Beliebteren, Erfolgreicheren einen Neuanfang zu starten, den eigenen Weg zu finden.

Kleiner Fisch im Wasserglas oder Gott persönlich?

Die Autorin Teresa Präauer in schwarzem Mantel vor einer bemalten Wand.

Bildlegende: Die 36-jährige Autorin Teresa Präauer. Katharina Manojlovic

Johnnys Weg ist nun so gar nicht jener von Jean. Denn Jean wartet schon zur Aufnahmeprüfung mit einer Rolle zimmergrosser Bilder auf. Während Johnny Studien von einem «kleinen Fisch im Wasserglas» mitbringt, auf Passepartouts und in einer selbstgebastelten Mappe.

Johnny kriegt ein Jahr Verbesserungsfrist. In dieser Zeit «entwickelt» Jean bereits «sein Oeuvre». Und lädt die Mitstudenten zur ersten grossen Installation ein. Verbarrikadiert sieben Tage lang von der Wohnungstür bis zu seinem Zimmer alles mit Sperrmüll. Um dann auf einem riesigen Thron wie Gott persönlich zu warten, dass man zu ihm vordringe.

Doppelbödiges Erzählspiel

Aber die «Idioten» haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Dachten, sie müssten ihn retten, statt alles mitzufilmen. Johnny ist von Jeans Geschimpfe besonders brüskiert: «Er fragt gar nicht nach meinem Namen und geht. Auch kein Dank dafür, dass wir ihn nicht mitsamt seinen Spänen abgefackelt haben.»

In «Johnny und Jean» steht nichts einfach so. Teresa Präauer verwebt auch noch das beiläufigste Detail in ein doppelbödiges Erzählspiel. So kann man Jeans grössenwahnsinnige Sperrmüll-Installation durchaus als einen frühen Hinweis darauf lesen, wie gefährdet der Erfolgsverwöhnte doch ist.

Auftritte von Dalí und Konsorten

Die Leser können die Enge auf dem Land erahnen, in der die beiden Kunststudenten aufwuchsen. Etwa, wenn Johnnys Mutter den Koffer des reisebereiten Sohnes filzt und konsterniert einschlägige Magazine entdeckt. Jennifer und Jessica, zwei der abgebildeten Damen, treten kurz darauf leibhaftig in Aktion für Johnny. Er muss ja weiterkommen, auch wenn er das Aktzeichnen schwänzt, weil man ihm dort «Genitalpanik» vorwirft.

Dabei hat er bloss noch nie einen nackten Menschen gesehen, geschweige denn etwas von Valie Exports zitierter Performance gehört. Jennifer und Jessica sind übrigens nicht die einzigen, die Johnny aus der Patsche helfen oder seinen Horizont erweitern. Auch Grössen der Kunst wie Dalí und Duchamp treten leibhaftig auf – im Verbund mit Namen und Anspielungen, die wie eine Ameisenstrasse durch den Roman ziehen.

Der Sieg der Fische

Es ergeben sich: aberwitzige Szenen (Johnny verliert seine Unschuld im Museum, vor einem Video von Pipilotti Rist), schelmische Abrechnungen mit dem Ausbildungs- und Kunstbetrieb, Kapriolen ums Erwachsenwerden, selbstironische Identitätsbefragungen.

Aus dem Schabernack schält sich immer deutlicher die Frage, wie man in einer Welt, in der alles schon einmal da war, wenn nicht das Neue, so doch das Eigene finden kann. Und es scheint, als sei der blasse Johnny mit seinen Fischen letztlich erfolgreicher als der schillernde Jean. Vielleicht nicht in Sachen «Marktwert», aber in seinem Glauben an die Phantasie und ihre transformierende Kraft.

Buchhinweis

Teresa Präauer: «Johnny und Jean», Wallstein, 2015.

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