Urs Faes fand seine neue Geschichte auf einem seiner Buchcover

Die Geschichte von Urs Faes neuem Buch «Sommer in Brandenburg» beginnt nicht auf der ersten Seite. Sie beginnt mit dem Foto auf dem Cover eines seiner älteren Romane. Das Foto zeigt ein Liebespaar, fotografiert vom jüdischen Fotografen Herbert Sonnenfeld. Die Inspiration für seinen neuen Roman.

Urs Faes im Porträt.

Bildlegende: Urs Faes fand auf dem Cover von einem seiner Romane die Inspiration für sein aktuelles Buch. SRF/ Lukas Maeder

Es begann mit einem Foto. Der Verlag hatte es 2007 für Urs Faes' Roman «Liebesarchiv» gewählt. Das Foto zeigt ein junges Paar. Und es begann plötzlich zu erzählen. Es trieb den Autor in den Stoff für seinen nächsten Roman.

Das Buchcover von «Lieberarchiv». Es zeigt ein Liebespaar.

Bildlegende: Dieses Bild inspirierte Urs Faes. Suhrkamp

Der Fotograf hinter dem Bild

Urs Faes erfuhr, dass das Bild auf seinem Buchumschlag von einem berühmten Fotografen stammte: Herbert Sonnenfeld (1906 – 1972) war Handelsvertreter und wurde nach 1933 von den Nazis aus seinem Beruf gedrängt. Er begann – zunächst als Hobby – in Palästina zu fotografieren. Dann kehrte er nach Deutschland zurück und hielt zusammen mit seiner Frau Leni systematisch das jüdische Leben im nationalsozialistischen Deutschland fest. Er dokumentierte jüdische Gemeinde- und Sozialeinrichtungen, Kultur- und Sportveranstaltungen, porträtierte jüdische Zwangsarbeiter. Tausende von Negative sind erhalten. 1939 emigrierte Sonnenfeld in die USA.

Seine Bilder aus Palästina und Deutschland sind nicht nur von unschätzbarem dokumentarischem Wert. Der Heroismus, ein Stilmerkmal der Zeit, verbindet sich bei Sonnenfeld mit einem einmaligen menschlichen Einfühlungsvermögen. Die Suggestivkraft seiner Bilder ist bis heute ungebrochen. Ein Beleg dafür sind die Arbeiten der israelischen Foto- und Videokünstlerin Yael Bartana. Sie hat Sonnenfelds Fotos mit heutigen Israelis, auch arabischen Israelis, nachgestellt oder reinszeniert.

Herbert Sonnenfeld hält eine Kamera.

Bildlegende: Der Fotograf Herbert Sonnenfeld. Jüdisches Museum Berlin

Eintauchen in die Geschichte von Ahrensdorf

Urs Faes erfuhr auch, dass das junge Paar auf dem Cover seines Romans 1938 in der Hachschara-Stätte Ahrensdorf, 30 km südlich von Berlin, aufgenommen worden war. Hebräisch «Hachschara» heisst wörtlich übersetzt «tauglich machen» und bezeichnet hier die systematische Vorbereitung junger Juden und Jüdinnen auf die Auswanderung nach Palästina: Landwirtschaft und Handwerke aller Art, Hebräisch und jüdische Traditionen waren zu erlernen. Dafür hatte die Reichsvertretung der Juden in Deutschland in Ahrensdorf ein Jagdschlösschen mit Gut gepachtet.

Urs Faes fuhr hin, und er traf dort einen Mann und Zeitzeugen, der in jahrzehntelanger Arbeit ein unvergleichliches Archiv über Ahrensdorf zusammengetragen hatte und auch über Kontakte mit noch lebenden ehemaligen «Ahrensdorfern» verfügte: Menschen, die begierig waren, ihre Geschichten zu erzählen.

Stoff für ein Buch

Nun war das Interesse des Romanautors geweckt. Faes recherchierte und bereiste Deutschland und Israel. Er eignete sich den Stoff so intensiv an, dass er seine Fantasie spielen lassen konnte. Der Archivar mutierte zur Romanfigur des Chronisten, der auf der «Gegenwartsebene» des Romans auftaucht, auf der Faes von seinen Recherchen erzählt. Das junge Paar, das Sonnenfeld fotografiert hatte, wird im Hauptteil der Romans, auf der historischen Erzähl-Ebene, zu den Protagonisten Ron und Lissy: Ron aus Hamburg, Lissy aus Wien, einander in so tiefer, heftiger Liebe zugetan, wie nur Jugendliche es können.

Hoffnungs-, aber nicht freudlos

Die Situation der Jugendlichen in Ahrensdorf ist dramatisch. Zwar haben sie ein Ziel vor Augen: Sie glauben enthusiastisch, dass eines Tages ein jüdischer Staat erstehen werde. Aber sie sind in Ahrensdorf gefangen. Die Übergriffe der Nazis – Brutalitäten, Demütigungen, Verhaftungen – nehmen zu. Die Nachrichten aus dem Reich werden täglich schlechter. Die Lage ihrer Angehörigen – Eltern, Geschwister – wird immer verzweifelter. Und sie müssen warten, warten, warten, denn die Engländer, Mandatsmacht in Palästina, vergeben nur selten und nur wenig Einreisebewilligungen.

Aber gerade in ihrer aussichtslosen Lage realisieren diese Jugendlichen Leben. Sie lieben, lernen, geniessen und arbeiten. Sie kennen auch Phasen der Trauer, der Angst und der Depression, aber sie entwickeln dennoch Gedanken, Ideen und Utopien. Faes hat sich für Ahrensdorf interessiert, weil die jüdischen Jugendlichen im Extrem eine menschliche Grundsituation erleben: die Unsicherheit der menschlichen Existenz. Wie man einem Leben, das bedroht ist durch Verfolgung und Tod, dennoch Augeblicke von Glück und Erfüllung abtrotzen kann – davon handelt dieser Roman.

Buchhinweis

Urs Faes: «Sommer in Brandenburg», Suhrkamp Verlag, 2014.

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