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Literatur «Ustrinkata» – ein Werkstattbericht einer Hörspielproduktion

Hörspielredaktor Geri Dillier gibt einen seltenen Einblick in die Entstehung eines Hörspiels. Er zeichnet den Weg von seiner ersten Lesebegeisterung über Arno Camenischs Erzählung «Ustrinkata» bis hin zur hörbaren Inszenierung dieser einzigartigen Bündner Klang- und Sprachwelt.

Autor Arno Camenisch vor einer alten Lokomotive.
Legende: Der Bündner Arno Camenisch erzählt von einem Dorf, das versinkt. Keystone

Ich las die Erzählung «Ustrinkata» von Arno Camenisch und war fasziniert von der Sprache, der Stimmung, den Geschichten und den Figuren. Ich wusste: Das wird ein Hörspiel!

Von der Erzählung zum Hörspiel

Diese knorrigen Figuren am Stammtisch der «Helvezia», die Endzeitstimmung in dieser verrauchten Beiz, die Geschichten, die auf den Tisch kommen: Das wollte ich hörbar machen. Die «Helvezia» als tönender Erinnerungsraum eines Dorfes, das am Versinken ist.

Nach einer Lesung sprach ich Arno Camenisch auf die Hörspielidee an. Er sagte spontan zu. Unsere Zusammenarbeit konnte beginnen. Anfänglich dachten wir an eine Mischung aus dem bündnerisch gefärbten Hochdeutsch des Buches und der bündnerdeutschen Mundart. Ein Erzähler sollte in der Sprache des Buches durch das Hörspiel führen, die Stammtischrunde sollte szenisch hörbar sein. Bald verwarfen wir diese Idee. Das Hörspiel musste für sich selber sprechen, durfte nicht zu einer szenischen Lesung des Buches werden. Und es sollte ausschliesslich in Dialekt gesprochen werden.

Welcher Bündnerdialekt?

Es gibt nicht den Bündnerdialekt: In Chur reden sie anders als im Prättigau, in der Surselva anders als im Engadin. Arno Camenisch kommt aus der Surselva. Dort spielt auch seine Erzählung. Und dort wird neben dem Rätoromanischen ein unverkennbares Oberländer-Bündnerdeutsch gesprochen. Die Bündner Schauspieler, die für das Hörspiel in Frage kamen, waren aber aus anderen Regionen. Sollten sie nun die «Oberländer» imitieren? Nein, auf keinen Fall, sagte Arno Camenisch.

Die Bündner Schauspielerinnen und Schauspieler sollten in ihren je eigenen Idiomen sprechen. Der Stammtisch sollte nicht eingeengt werden auf ein bestimmmtes und bestimmbares Dorf. Er kann irgendwo im Bündnerland oder sonstwo sein, wo Geschichten die Runde machen.

«Ustrinkata» als Endspiel

Das Dorf lebt in den Geschichten, die in der verrauchten «Helvezia» die Runde machen; die Beiz als Geschichtenraum. Und dieser Raum geht nun zu, macht dicht. Es ist «Ustrinkata». Man kommt ein letztes Mal in der «Helvezia» zusammen. Etwas Endzeitliches liegt im Raum wie ein Schatten. Diese dunkle Stimmung sollte im Hörspiel spürbar sein,  im «Sound» von Musik und Geräuschen.

Musik als surrealer Klangraum

Mit der Musik von Barblina Meierhans bekommt das Surreale der Erzählung im Hörspiel seinen eigenen Klangraum. Dieser macht «Ustrinkata» zu jenem Endspiel, das weit über das Lokale und Regionale hinausweist. Die musikalischen Intermezzi umspülen und unterspülen die Geschichten und die Figuren.

Die Stammbeiz wird zu einer fragilen Insel im Strom. Die Klänge von Tuba, Tiba, Euphonium zelebrieren dazu das Requiem.

Choräle mit Blechbläsern

Warum die Klänge von Tiba, Tuba, Euphonium? Der Coiffeur Alexi erzählt im Hörspiel von einer Bootsfahrt auf dem Rhein. Eine Gruppe aus dem Dorf treibt den Rhein hinab und spielt dazu kirchliche Choräle. Alpenländisches klingt an (die Tiba heisst auch Hirtenhorn), die liegenden Töne von Tuba und Euphonium öffnen aber auch einen weiten, surrealen Raum von Verlorenheit. Ein verrücktes, sinnreiches, klingendes Bild.

Vom «langen» Buch zum «kurzen» Hörspiel

Das Hörspiel durfte maximal 50 Minuten dauern – die Musik inklusive. Das Buch als Ganzes wäre allerdings dreimal so lang. Ich musste also radikal kürzen und schlug Arno Camenisch vor, eine erste Strichfassung mit ausgewählten Dialogen vorzulegen. Vom Ablauf her sollte es vier bis fünf «Akte» geben, verbunden mit musikalischen Intermezzi.

Nebel zieht in der Nacht über eine Graubündner Beiz hinweg.
Legende: Schatten und Nässe prägen die Stimmung in «Ustrinkata». Christof Hirtler

Die erste Strichfassung habe ich aus dramaturgischer Sicht überarbeitet, gewisse Textstellen verschwanden, andere kamen hinzu, rhythmische Aspekte wurden besprochen, wir suchten nach einem stimmigen Anfang und Schluss. Das ging ein paarmal hin und her, bis wir uns einig waren. Dieser erste Prozess war sehr wichtig – und er war ein Indiz dafür, dass wir uns verstanden und gut zusammenarbeiten konnten.

Camenisch durfte auch ins Studio

Arno Camenisch äusserte den Wunsch, bei den Aufnahmen im Studio als Zuschauer und -hörer mit dabei zu sein. «Ustrinkata» war sein erstes Hörspiel und er wollte das Hörspielmachen kennen lernen. Eigentlich ist es nicht üblich, dass der Autor bei den Aufnahmen dabei ist – mir aber war seine Präsenz sehr willkommen.

Erfahrungsgemäss gibt es bei den Aufnahmen immer wieder Diskussionen mit den Schauspielern über mögliche Textänderungen, oder richtige bzw. falsche Dialektausdrücke. Durch seine Anwesenheit im Studio konnte sich Camenisch in solche Diskussionen direkt einbringen und entscheiden, was für ihn richtig war.

Auch die Musikerin Barblina Meierhans war bei den Aufnahmen dabei. Sie wollte sich von den Stimmen, der Stimmung, den Geräuschen zusätzlich inspirieren lassen. Dadurch war ein intensiver und direkter Austausch zwischen Autor, Regie, Musik immer gewährleistet.

Fazit: Die Chemie stimmte

Die Arbeit mit dem Autor begann rund ein Jahr vor dem Ausstrahlungstermin des Hörspiels, die Musikerin kam ein halbes Jahr später dazu. Die sehr enge Zusammenarbeit führte dazu, dass alle Beteiligten, die Musikerin Barblina Meierhans, der Autor Arno Camenisch und ich als Regisseur mit dem Resultat sehr glücklich sind. Die Chemie zwischen uns stimmte. Und das Wichtigste: Arno Camenisch fand auch in der stark gekürzten Hörspielfassung die Substanz und die Stimmung seines Buches wieder.

Doch geglückt ist das Hörspiel erst, wenn diese Stimmigkeit auf die Zuhörenden am Radio überspringt: Wenn «Ustrinkata» als ein bild-und klangstarkes Hörbild erlebt wird, das den Zuhörer packt und hineinzieht in diese traurig-witzig-verrückte letzte Runde am Stammtisch der «Helvezia».