Waffenwahn und Freiheitsdrang: T.C. Boyles neue Freakgeschichte

«Hart auf hart» heisst T.C. Boyles neuer Roman – und hart auf hart stellt der amerikanische Starautor darin Fragen: Was ist Freiheit? Was Wahn? Das Buch handelt von Freaks, Staatsfeinden, amerikanischen Grundsätzen, von Waffen und Gewalt. Pikant: Auch T.C. Boyle hat ein automatisches Gewehr zuhause.

Porträtfoto T.C. Boyle.

Bildlegende: T.C. Boyle liebt Freakgeschichten. «Hart auf hart» ist auch eine, allerdings alles andere als skurril. Keystone

Er ist ein cooler Typ. Sein Erscheinungsbild, sein Auftreten, sein Name, alles Markenzeichen. T.C. Boyle ist ein Star. Er weiss das und er spielt damit. Sehr cool, sehr souverän.

Ein Werbevideo in eigener Sache zeigt ihn in Santa Barbara an der kalifornischen Küste mit einer Pumpgun im Arm. Und es zeigt einen Autor, der knapp und präzise beschreibt, worum es in seinem Buch geht: Gewalt und Waffen, Freiheit und Verfolgungswahn, die Lage in den USA.

Am Anfang steht ein Mord aus Notwehr. Der pensionierte Schuldirektor Sten Stensen ist mit einer Reisegruppe auf Kreuzfahrt in Costa Rica. Als die Gruppe überfallen wird, tötet Sten einen der Angreifer und vertreibt die anderen. Die Tat geschieht plötzlich, aus einer Eingebung heraus. Sten war bei den Marines in Vietnam und spürt: Er hat nichts verlernt. Das ist der furiose Auftakt, aber eigentlich nur der Prolog zu einem Geschehen eskalierender Gewalt.

Freakig, aber nicht skurril

Die Hauptfiguren des Romans sind Adam Stensen – Sten Stensens Sohn – und Sara Jennings. Ein Zufall führt sie zusammen, als Adam irgendwo im Land als Anhalter in Saras Auto steigt. Ein schräger, kahlrasierter Typ in einer Art Tarnanzug. Zwei Aussenseiter finden sich und bleiben zusammen. Was sie verbindet, ist die rabiate Ablehnung staatlicher Ordnung. Die Polizei ist der Feind oder die Steuerbehörde, die Presse und die Regierung. Sara ist Mitglied der Sekte «Sovereign Citizens», vereint gegen alles, was ihre persönliche Freiheit begrenzt.

T.C. Boyles Liebe zu Freakgeschichten ist bekannt. Aber hier gibt es nichts Skurriles. Hart auf hart stellt der Autor Fragen nach Freiheit und ihren Grenzen. Was passiert, wenn Ordnung radikal abgelehnt wird, wenn man im «Land der Freien» Freiheit so deutet? Wieviel Selbstbestimmung ist möglich, ohne zum Outlaw zu werden? Wird das Leben nach radikalen Prinzipien schon dadurch entwertet, das man Adam Stensen bald als schizophren erkennt? An Psychologie ist T.C. Boyle nicht interessiert. Die Dinge geschehen wie sie geschehen. Sie passieren einfach, fast ohne biografische Herleitung.

Die amerikanische Seele

Adam, der Sohn aus der Mittelklasse, dreht durch, als das Haus, in dem er lebt, verkauft wird. Er tötet zwei Menschen und hält sich für den Trapper John Colter, eine echte, legendäre Figur der amerikanischen Gründungsmythologie. Als Colter lebt Adam jetzt in den Wäldern Nordkaliforniens. Vom FBI verfolgt, kommt es zum Showdown.

An den Anfang seines Buches stellt Boyle ein Zitat des englischen Schriftstellers D.H. Lawrence: «Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder. Sie ist noch nicht geschmolzen.» T.C. Boyle hat seine Story danach gebaut und, wie immer, gut recherchiert: Vor zwei Jahren ist in den kalifornischen Wäldern tatsächlich ein Schwerbewaffneter von einem Polizeiaufgebot gestellt worden.

Ebenfalls in Südkalifornien, wo jener Todesschütze gejagt wurde, lässt sich nun T.C. Boyle für sein neues Buch abfilmen – mit dem Gewehr im Arm. Ein Freund habe es ihm geschenkt. «Da gibt es draussen eine Menge Leute, die nicht unbedingt immer nur gute Absichten haben», so T.C. Boyles Kommentar.

Ein Mann mit Mütze und Sonnenbrille hält ein Gewehr in den Händen.

Youtube-Still/Hanser Verlag

T.C. Boyle wirbt in einem Clip für seinen neuen Roman – bewaffnet.

Sendehinweis

T.C. Boyles «Hart auf hart» ist am 3. März 2015 Thema im Literaturclub. Auf SRF 1 um 22:20 Uhr.

Buchhinweis

T.C. Boyle: «Hart auf hart». Hanser, 2015.

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