Warum verzweifelt die Literatur nicht an der Quantenphysik?

Einst vermochte die Physik Weltbilder zu erschüttern, stürzte Dichter und Denker in die Sinnkrise. Heute bleiben diese gelassen. Der französische Schriftsteller Jérôme Ferrari will mit seinem Roman über den Physiker Werner Heisenberg zeigen, wie die Physiker unser Weltbild revolutioniert haben.

Grüne Lichtspuren auf einer schwarzen Oberfläche.

Bildlegende: Was macht das Licht, wenn wir es nicht sehen? Die Nebelkammer liefert lückenhafte Antworten, Dichter nehmen's gelassen. Wikimedia

Die Lektüre der philosophischen Schriften Immanuel Kants löste beim Dichter Heinrich von Kleist eine Lebenskrise aus. Er fühlte sich «tief in seinem heiligsten Innern davon verwundet» und kämpfte mit Selbstmordgedanken, denn: «Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, und ich habe nun keines mehr».

Was Kleist den Boden unter den Füssen wegzog, war die Erkenntnis, dass wir nicht wissen können, wie die Dinge und die Wahrheit «an sich» und ohne unser Zutun, ohne unsere Betrachtung, sind. Kleist reagierte auch als Schriftsteller, indem er Kants Erkenntnisse in eine anschauliches Bild brachte: «Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün».

Kleists Erschütterung – das war im Jahre 1801. Auf uns Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts wirkt sie fast rührend. Wir lächeln und sagen: Das waren noch Zeiten. Da sind wir anderes gewohnt.

Weltbildbruch

Was Kant angedacht hat, haben die Physiker des 20. Jahrhunderts radikalisiert. Sie haben die Vorstellung vom «Ding an sich» aufgegeben. «Was die Welt im innersten zusammenhält» ist nicht Materie, sondern Energie, sagen sie. Und die bewegt sich nicht gleichmässig, sondern in Sprüngen, in Quantensprüngen. Statt dass Wellen sich gleichmässig ausbreiten und Phänomene sich kontinuierlich entwickeln, geschieht lange nix und plötzlich – «bumms!» – ballt sich Energie. Und diese Bewegungen kennen wir nur ungenau. In einer Nebelkammer hinterlassen kleine Teilchen Spuren, aber wie sie sich zwischen den einzelnen Spuren bewegt haben, wissen wir nicht.

Theoretiker sind bescheiden geworden. Sie arbeiten mit situativen Theorien, mit Wahrheiten von begrenzter Reichweite. Kurzum: Jahrhunderte alte Denkgewohnheiten werden von den Naturwissenschaftlern für ungültig erklärt. Nur: Die Dichter und Denker nehmen's cool. Die Zeitgenossen haben sich an die technischen Anwendungen der Quantenphysik, vom Computer bis zur Atombombe, gewöhnt, aber philosophisch bleiben sie ziemlich träge. Kleist hatte seine Kant-Krise – von einer Einstein-Krise heutiger Dichter wurde bisher nichts bekannt.

Die Dichter von heute

Zwar sind die Atombombe und die Verantwortung der Physiker ein Thema der Literatur. Die Quantenphysik und ihre Folgen für unsere Weltauffassung dagegen weit weniger. Sicher, es gibt Ausnahmen. Wolfgang Koeppen oder Friedrich Dürrenmatt haben versucht, die Erkenntnisse der modernen Physik in ihr Denken zu integrieren.

Unter den Lebenden wären etwa Ulrich Woelk und vor allem Christian Haller zu nennen. Für ihn ist die Literatur an der Bildung von Wirklichkeit mitbeteiligt: Erzählen bestimmt mit, was an Wirklichkeit erfahren und weitergegeben werden kann. In seinem letzten Roman, «Der seltsame Fremde» hat er die Folgen der Quantenphysik für unsere Auffassung von der Welt thematisiert.

Heisenberg in Dubai

Der französische Schriftsteller Jérôme Ferrari, heute 47-jähriger Sohn korsischer Eltern, versucht in seinem neuen Roman «Das Prinzip» auf seine Weise die Quantenphysik in seine literarische Arbeit zu integrieren. Er erzählt das Leben des deutschen Physikers Werner Heisenberg, als ob der ein Teilchen wäre, dessen Bewegung durch die Welt wir nicht so genau nachvollziehen können.

Wir sehen ihn mal da, mal dort. Er ist Humanist, stellt sich aber dem «Teilchenbeschleuniger» Nationalsozialismus zur Verfügung. Er ist von umwerfender Jugendlichkeit – und plötzlich ist er alt. Ferrari lässt Widersprüche und Gegensätze nebeneinander stehen. Er gibt verschiedene mögliche Interpretationen und Wahrheiten dieses Lebens.

Grundsätzlich aber sieht Ferrari die Folgen der neuen Weltbetrachtung sehr kritisch. Der Quantenphysik lastet er auch die Auflösung bisher gültiger Moralmasstäbe an. Ja, die gesamte Moderne, die Ferrari in einer farbigen Schilderung der Megacity Dubai vorführt, scheint ein Produkt der neuen Physik zu sein. Da ist das kritische Urteil der Lesenden gefordert.

Buchhinweis

Jérôme Ferrari: «Das Prinzip». Secession, 2015.

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