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Literatur Was machen Dating-Plattformen mit der Liebe?

Durch Single-Börsen ist die Partnersuche leicht gemacht: Wir beschreiben unsere Traumpartner – Aussehen, Bildungsgrad und Hobbys – und warten auf Rückmeldung. Trotzdem waren nie so viele Menschen allein wie heute. In «Für eine Nacht oder ein ganzes Leben» arbeiten die Menschen viel und lieben wenig.

Die Buchstaben des Wortes «Love» stehen in Einkäufswägen.
Legende: Machen Dating-Plattformen Menschen zu Ware? Flickr/Bruno Cordioli

In «Für eine Nacht oder ein ganzes Leben» führen die Protagonisten ein frustrierendes Leben auf Partnersuche. Herrschen auf dem heutigen Liebesmarkt tatsächlich primär Ratlosigkeit und Verunsicherung? Wie kommt das?

Ursula März: Die Ratlosigkeit entsteht durch das breite Feld an Möglichkeiten. Es gibt kaum mehr gesellschaftliche Normen, die eine Partnerwahl bestimmen. Das mag auf der einen Seite befreiend sein, ist aber auch anstrengend und verunsichernd.

Meine Mutter zum Beispiel wuchs in einer mittelgrossen pfälzischen Stadt auf. Damals gab es dort ein Boulevard, auf dem junge Menschen promenierten, um neugierig Ausschau zu halten und sich verstohlene Blicke zuzuwerfen.

Die Autorin während einer Lesung.
Legende: Ursula März spiegelt in ihren Erzählungen hintergründig Erfahrungen mit Dating-Plattformen. Wikimedia , Link öffnet in einem neuen Fenster

Nur auf diesem – ich sage wertfrei «Kuppel-Boulevard» – konnten sich Herzen finden. Andere Orte zum Anbändeln gab es nicht, oder es wäre unmoralisch gewesen, diese aufzusuchen. Dank dieser Exklusivität war die Partnersuche verdichtet, und auch erotisch aufgeladen.

Das ist ein Punkt, der sich radikal verändert hat. Heute können sich Menschen überall finden. Aber gerade weil die Liebe eigentlich an jedem beliebigen Ort ihren Anfang nehmen kann, ist das Ganze unromantisch: Es herrscht eine erotische Unterspannung. So gesehen bin ich mir nicht sicher, ob unsere Eltern tatsächlich weniger Möglichkeiten hatten, sich zu finden. Ich glaube, die wussten sehr genau, wo und wie sie zum Ziel kamen. Für uns sind die Chancen überall und dadurch auch irgendwo nirgends.

Hängt diese Ratlosigkeit aber nicht auch mit den völlig übersteigerten Ansprüchen zusammen? Heute können sich die Menschen auf Dating-Plattformen im Internet quasi ihren Traumpartner, ihre Traumpartnerin zusammenbauen. Das hat mit dem realen Verlauf von Verlieben nichts mehr zu tun.

Da gebe ich Ihnen völlig recht: Single-Börsen haben auf den ersten Blick etwas enorm Entromantisiertes. Es ist ja nicht nur so, dass man sich seinen Idealpartner wie eine Ikea-Küche zusammensetzt, sondern, und das finde ich noch um einiges unangenehmer: Man präsentiert sich auch selber wie einen Ikea-Schrank und macht sich so zur Ware.

Ich bin aber nicht nur pessimistisch. Es kann sehr wohl möglich sein, dass unsere Gesellschaft lernt, mit diesen virtuellen Möglichkeiten spielerisch und gleichzeitig vernünftig umzugehen, so dass der digitale Liebesmarkt nicht einfach nur zum Supermarkt wird. Es gibt ja sehr viele Menschen, die dank dieser Singlebörsen im Netz glücklich geworden sind.

Sie haben sich für Ihr Buch intensiv mit den neuen Kontakt-Möglichkeiten beschäftigt. Welches Fazit ziehen Sie heute ?

Ich glaube, dass uns die hohe Zahl der Single-Haushalte etwas sagen will: Man kann diesem Phänomen nicht nur mit alten Konzepten begegnen, in dem Sinne, dass man nur zu zweit glücklich werden kann. Schon in 20 bis 30 Jahren werden sich andere Modelle durchsetzen. Die Freundschaft erlebt zum Beispiel derzeit eine grosse Renaissance. Vielleicht werden wir auch die klassische Wohngemeinschaft neu entdecken und weiterentwickeln.

Sie sagen, das Prestige der Alleinstehenden hat sich verändert, dass es mittlerweile kein Makel mehr ist, single zu sein. Aber in Ihrem Buch machen Sie auch klar: Das gilt für Frauen nicht im gleichen Masse wie für Männer.

Ja, Sie haben recht. Nach wie vor schaut die Gesellschaft auf alleinstehende Frauen mitleidiger als auf Männer. Die Frauen verhalten sich auf dem Liebesmarkt auch nervöser, ängstlicher, defensiver und vor allem panischer als die Männer. Sie geben sich viel eher selber die Schuld, wenn sie «keinen abgekriegt haben», sie fühlen sich nicht schön genug, nicht toll genug, nicht jung genug.

Was mich übrigens erstaunt hat bei meiner Arbeit: Es sind keineswegs die klassischen «Mauerblümchen», die sich primär auf diesen Singlebörsen bewegen. Es gibt auffallend viele junge, erfolgreiche Menschen, die in Liebesdingen ratlos sind und niemanden finden.

Worauf führen Sie das zurück ?

Diese Leute arbeiten zu viel; sie arbeiten wie verrückt.

Buchhinweis

Ursula März: «Für eine Nacht oder ein ganzes Leben», Hanser Verlag, 2015.