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Literatur Wenn das Meer eine Liebe ertränkt

Im Roman «Zwischen zwei Wassern» von Andreas Neeser reisst eine Welle eine Frau in den Tod. Anlass für eine Etüde über die Macht des Schicksals – und über die quälende Frage: «Was wäre, wenn...».

Die Einheimischen stehen über den Dingen, das Meer hat sie einiges gelehrt.
Legende: Die Einheimischen stehen über den Dingen, das Meer hat sie einiges gelehrt. Flickr/FranceHouseHunt

Am Anfang stand eine starke Liebe zwischen einer Frau und einem Mann mittleren Alters. An der bretonischen Küste holte eine Monsterwelle die Frau in ein Seemannsgrab. Die Liebe aber überlebte. Denn der trauernde Überlebende begibt sich nach einem Jahr nochmals an den Schauplatz des Grauens an der bretonischen Steilküste.

Fels aus geschichteten Granitplatten bildet da Kanzeln, um zu verweilen. Der Schweizer Schriftsteller Andreas Neeser wählte eine Naturbühne der ungezähmten Kräfte aus für das Drama, welches er in «Zwischen zwei Wassern» inszenierte.

Es ist letztlich ein Ort der Unfreiheit. Denn der Mensch hat keine andere Wahl, als sich dem Diktat des Meers restlos unterzuordnen. Tut er es nicht, so kann ein unschuldiges Sonnenbad tödlich enden. Es hat Véro das Leben gekostet und ihren Partner, den Erzähler, in tiefste Trauer gestürzt. Die Einheimischen stehen über den Dingen. Das Meer hat sie einiges gelehrt.

Der Trauer Raum geben

Zu Krabbenfutter, wie es der Erzähler bezeichnet, zu Krabbenfutter wird auch Véro. Beim Muschelpflücken auf einer Felsenkanzel mit ihrem Partner wird sie von einer Riesenwelle ins Meer gespült und ertrinkt. Der Mann überlebt knapp. Warum sie und nicht ich? Dies ist die quälendste Frage, der der Erzähler nicht entrinnt – auch nachdem ein Jahr verstrichen ist.

Der Überlebende will vor Ort in der Bretagne noch einmal in Gedanken Kontakt aufnehmen mit seiner toten Geliebten. Er will die Erinnerung an das Unglück noch einmal hochkommen lassen. Er will der Trauer Raum geben. Den inneren Film des Unglücks Revue passieren lassen.

Wiedersehen mit den alten Copains

Der Erzähler trifft sich auch wieder mit seinen alten Kumpanen. Da ist vor allem Max, der schrullige Bildhauer, der seine Kunst nicht verkaufen kann. Neeser könnte allein mit dieser Figur einen ganzen Künstlerroman ausfüllen.

Max mag den Erzähler. Max holt seinen Freund vom Teppich herunter, wenn sich der Trauernde in der Möglichkeitsform der Rettung Véros ergeht. Max und einige andere Einheimische verkörpern die Illusionslosigkeit, die hier die abweisende und gleichzeitig anziehende Natur einfordert. Die Bretonen pflegen eine Vernunftbeziehung zum Meer.

Mit geschmeidiger Sprache

So spannt der Autor einen Bogen, der weit über das Paar hinausführt. Wobei er nur das Allernötigste über die Nebenfiguren preisgibt. Dies entspricht ihrer eigenen Einsilbigkeit. Neeser vermischt das Raue mit dem Weichen. Das grosse Ganze mit dem Punktuellen. Die Sprache ist so geschmeidig, wie das Licht dieses Südens.

«Zwischen den Wassern» ist einerseits ein Hoffnungsbuch über das Überleben. Aber der Roman ist unter dem Strich doch ein Todesbuch. Die Quintessenz steckt in der Frage des Erzählers: «Wären wir nicht hinuntergestiegen – es wäre alles anders.» Wohl war, aber doch zu spät.

Buchhinweis

Buchhinweis

Andreas Neeser: «Zwischen zwei Wassern». Haymon Verlag, 2014.

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