Wenn Herr Glück auf Frau Unglück trifft

Neugierig auf die Welt schauen und sich in seinem positiven Wirken nicht beirren lassen: Wer das schafft, besitzt eine Magie, um andere Menschen zu erreichen. Diese schöne Geschichte erzählt das Bilderbuch «Herr Glück und Frau Unglück» von Antoine Schneider und der Illustratorin Susanne Strasser.

Eine Illustration mit einem älteren Herrn, der in einer übergrossen Blumenblüte schläft.

Bildlegende: So kann das Glück aussehen: Ein korpulenter Herr mit strahlend guter Laune. Susanne Strasser/Thienemann Verlag.

Man stelle sich vor: Das Glück klopft eines schönen Tages an die Tür. Was andere sich sehnlichst wünschen – Frau Unglück passiert es. Das Glück klopft in Gestalt eines korpulenten Herrn mit strahlend guter Laune und einem Kleeblatt auf dem Zylinder.

«Eines Tages zog Herr Glück ein.» So beginnt das Bilderbuch der Autorin Antonie Schneider. Für Frau Unglück, die nebenan im Haus Nummer 13 wohnt, beginnt damit ein hoffnungsloser Kampf. Denn Herr Glück sät Samen und bestellt seinen Garten, dass die Pollen nur so in Frau Unglücks Garten hinüberfliegen. Seine Welt blüht und schillert bald in den üppigsten Farben.

Das Glück hält das Unglück auf Trab

Illustration eines älteren Herrn mit einem bepflanzten Blumentopf in der Hand, der ausserdem einen prall geflüllten Leiterwagen hinter sich herzieht.

Bildlegende: Die Frohnatur in Person: Herr Glück. Susanne Strasser/Thienemann Verlag

Deswegen hat Frau Unglück alle Hände voll zu tun, die fröhlichen Eindringlinge aus ihrer kargen Welt herauszuhalten. Das Glück wuchert und ist überall – nicht nur bildlich gesprochen, jedoch bildhaft wunderbar in Szene gesetzt von der Illustratorin Susanne Strasser.

Sie findet für den Gegensatz von Glück und Unglück kraftvolle Bilder: Frau Unglücks Haus und Garten sind grau bis schwarz, sie selber ist eine spindeldürre Dame und auch ihre Katze und ihre Ziege sind düster.

Das Glück ist nicht abzuwenden

Herr Glücks Welt hingegen ist bunt wie eine Schachtel Bonbons im Sonnenlicht. Hier dominiert die Fantasie in den kräftigsten Farben. Bald fliegen rotschwarze Marienkäfer in Frau Unglücks Wohnung herum, und die vierblättrigen Kleeblätter spriessen als Insignien des Glücks in Frau Unglücks kargem Garten. Die Invasion hat begonnen – und ist nicht mehr aufzuhalten. Als schliesslich Herr Glück an Frau Unglücks Haustür klingelt, wimmelt sie ihn forsch ab: «Was geht mich das an», unterbricht sie ihn. Damit liegt sie komplett falsch.

Glück und Unglück gehen Hand in Hand

Wer Glück sät ohne Unterlass, der kann schliesslich reich ernten. Das ist die Botschaft dieses hervorragend gestalteten Bilderbuchs. Frau Unglück ist dermassen damit beschäftigt, Herrn Glücks Wirken im Zaum zu halten, bis schliesslich auch sie den Samen der Veränderung in sich trägt: die Neugier. Und so wundert es nicht, dass am Ende die beiden zueinander finden – denn Glück und Unglück gehören bekanntlich zusammen. Wenn auch in dieser Version für Kinderherzen das Glück dominiert. 

Überraschend, dass für einmal der Part der Fantasie und Emotion als Herr Glück einem Mann zukommt und die rationale Strenge und Bodenhaftung einer Frau, in der Person von Frau Unglück. Ob das die beiden Autorinnen als Kommentar verstehen, die gängigen Rollenbilder in den Köpfen zu überdenken, bleibt offen. Egal, denn auch dieser Gedanke macht eigentlich glücklich.

Buchhinweis

Antonie Schneider und Susanne Strasser: «Herr Glück und Frau Unglück.» Thienemann, 2013.

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