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Was macht Helga Schuberts Text so aussergewöhnlich?
Aus Kultur-Aktualität vom 22.06.2020.
abspielen. Laufzeit 04:09 Minuten.
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Wettlesen in Klagenfurt Bachmann-Preis für eine, die weiss, wie Frieden geht

Die 80-jährige Helga Schubert hat die Jury mit einem berührenden Text über eine Mutter-Tochter-Beziehung überzeugt.

«Ich liebe seit heute Helga Schubert!», rief Philipp Tingler, Neo-Juror beim Klagenfurter Wettlesen, in die Runde.

Es war am Freitag, dem zweiten von drei Vorlesetagen mit 14 eingeladenen Autorinnen und Autoren. Die in Mecklenburg wohnhafte Helga Schubert hatte soeben ihren Text «Vom Aufstehen» vorgetragen – und damit die Jury regelrecht verzaubert.

Die Klagenfurt-Veteranin

Helga Schubert ist 1940 in Berlin-Kreuzberg geboren und war die bisher älteste Teilnehmerin am Ingeborg-Bachmann-Preis. Sie sollte bereits 1980 in Klagenfurt lesen, durfte damals aber nicht aus der DDR ausreisen. Von 1987 bis 1990 sass sie selbst in der Jury.

Nun startete sie einen neuen Anlauf als Teilnehmerin. Der Wettbewerb ging dieses Jahr in einer virtuellen Variante und über die Bühne. Ohne Probleme: Die sieben Jurymitglieder waren per Videokonferenz miteinander verbunden, die Autorinnen und Autoren online zugeschaltet.

Ingeborg-Bachmann-Preis

Die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur, Link öffnet in einem neuen Fenster fanden dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie virtuell statt. Alle Video-Beiträge von der Eröffnung bis zur Preisvergabe sind online, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Der Bachmann-Preis, der an die in Klagenfurt geborene Lyrikerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) erinnert, gilt als besonders wichtige Würdigung im deutschsprachigen Literaturbetrieb. Er ist mit 25’000 Euro dotiert.

Helga Schuberts Wahl erfolgte für Beobachter des Wettbewerbs nicht völlig überraschend. Sie erwies sich während des Wettlese-Marathons mehr und mehr als Favoritin – neben der Österreicherin Laura Freudenthaler, die den ebenfalls in Klagenfurt verliehenen 3sat-Preis (7'500 Euro) erhielt. Die Deutsche Lisa Krusche bekam den Deutschlandfunk-Preis (12'500 Euro). Der Kelag-Preis (10'000 Euro) ging an den Österreicher Egon Christian Leitner, der Publikumspreis (7'000 Euro) an die Österreicherin Lydia Haider.

Die drei Beiträge aus der Schweiz überzeugten die Jury nicht: Die Schweizerin Meral Kureyshi und die beiden in der Schweiz lebenden gebürtigen Deutschen Katja Schönherr und Levin Westermann gingen leer aus.

Anklänge ans eigene Leben

Helga Schuberts «Vom Aufstehen, Link öffnet in einem neuen Fenster» verfügt über stark autobiografische Bezüge. Er zeigt, wie die Weltgeschichte bisweilen in die Biografie einzelner eingreifen kann.

Der Text erzählt von einer betagten Frau, die sich an die Kriegsjahre, an Flucht und Vertreibung erinnert, an das Leben im geteilten Deutschland, an das beklemmte Leben im Stasi-Staat. Und er legt schonungslos frei, wie diese widrigen Umstände das Verhältnis der Frau zu ihrer Mutter vergifteten.

Der Text variiert das titelgebende Motiv des Aufstehens geschickt in verschiedener Weise: Die Figur der alten Frau liegt eines Morgens im Bett. Sie zögert das Aufstehen noch etwas hinaus und lässt ihre Gedanken in die weitere Vergangenheit schweifen.

Dankbarkeit für grausame Worte

Die Frau denkt an ihre Mutter: Sie war grausam. Sie hatte von ihrer Tochter Dankbarkeit dafür verlangt, dass sie sie nicht abtrieb, «obwohl dein Vater das wollte».

Dafür, dass sie die körperliche Anstrengung auf sich genommen habe, sie damals, in den letzten Kriegswochen, als die Rote Armee näher rückte und die Familie floh, «in einem dreirädrigen Kinderwagen» mitzuschieben - und nicht einfach dem Feind zu überlassen.

Dafür, dass sie das kleine Kind damals nicht schlicht getötet habe. Obwohl man dies von ihr «verlangt» habe, als es mit dem Nationalsozialismus zu Ende ging.

Video
Düstere Vergangenheit: «Judasfrauen» (1990) von Helga Schubert
Aus Das Literaturmagazin vom 08.04.1990.
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Die Metaphorik des Aufstehens

Doch da ist kein Hader bei der Protagonistin. Helga Schuberts Text schafft es sprachlich subtil und durch geschickt gesetzte Perspektivwechsel, die Trauer und Empörung über all die Grässlichkeiten in ein nachsichtiges Verzeihen zu verwandeln: in ein «Aufstehen» aus den dunkelsten seelischen Verwerfungen.

«Alles gut», lautet denn auch am Ende die kurze Formel, welche die erlittenen Schmerzen zwar nicht auslöscht. Die aber den inneren Zustand der Protagonistin glaubwürdig auf den Punkt bringt und ihr ein Weiterleben mit dem an sich Unerträglichen überhaupt erst ermöglicht hat.

Den Tränen nahe

Der Text rührte die Jury offensichtlich an: Der Stoff hätte «eine Geschichte der Katastrophe sein können», sagte die Jurorin Insa Wilke in ihrer Laudatio. Aber Helga Schubert habe «gezeigt, wie man Frieden mache», und zwar «ohne zu belehren».

Helga Schubert zeigte sich über den Preis äusserst gerührt: Ihr Text sei auch eine Hommage an die Namensgeberin des Preises, Ingeborg Bachmann, sagte sie, den Tränen nahe. Zudem hoffe sie darauf, durch den Schub des Preises bald ihren neuen Roman publizieren zu können. Ihr letzter stammt von 2003.

Radio SRF, Nachrichten, 21.06.2020, 14 Uhr;

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Was für eine wirklich und wahrhaftig berührende Geschichte. Herzliche Gratulation hin zur Preisträgerin Helga Schubert. Gratulation auch der Jury, der ganzen Veranstaltung! Zuerst war mir ja bange und meine Freude auf noch einmal eine Veranstaltung über Zoom/Skype etc. vorproduziert/etwas live hielt sich in Grenzen. Nun war ich aber überrascht: wirklich gut das Ganze; auch einige andere Qualitätstexte waren dabei. Danke!
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  • Kommentar von Elisabeth Frehner-Isenring  (Denia)
    Das will ich unbedingt lesen. Kann man diesen Text normal bestellen? Herzlichen Dank der Literaturredaktion für ihre wichtige Arbeit, gute Bücher vorzustellen. Ich las letzthin das neueste Buch von Melitta Breznik "Mutter, …..". Ein tief berührendes Buch.
    Der Preisträgerin meine herzlichste Gratulation und viel Kraft für weitere Buchprojekte. In diesem Alter noch mehr bewundernswert.
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    1. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen auch: Ich habe den Text auf der homepage: bachmannpreis.orf.at gefunden. Da sind alle Texte und ich finde selber, dass dieser Preis absolut preiswürdig ist. Nicht nur ein Altersbonus. Dort sind auch die Jury-Mitglieder vorgestellt. Ich muss leider feststellen: Philipp Tingler aus Zürich, neu dabei fällt furchtbar ab. Weiss nicht, warum die Schweiz niemand anderes gefunden hat. Aber die ganze Veranstaltung war gerade so in der Not ganz speziell.
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    2. Antwort von SRF Kultur (SRF)
      @Elisabeth Frehner-Isenring: Hier noch der Link zur Geschichte von Helga Schubert: https://bachmannpreis.orf.at/stories/3047347/ Viel Freude beim Lesen!
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    3. Antwort von Elisabeth Frehner-Isenring  (Denia)
      Herzlichen Dank für den Link. Hab aber auch meinen Buchhändler gefragt und der schrieb mir, dass man diesen Text ab Juli kaufen kann.
      Es gibt immer noch Autoren, die aufs Geld angewiesen sind. Und zudem besitzt man dann den Text bei sich zuhause. Für mich sind gute Bücher der Luxus, der zu mir passt. Und man kann sie immer wieder durchlesen, ganz oder teils. Die Autoren, die uns noch etwas zu sagen haben, müssen wir unterstützen.
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