Wie Friedrich Glausers Briefe aus dem Müll gerettet wurden

Der Schriftsteller Friedrich Glauser korrespondierte häufig mit dem Journalisten Josef Halperin. Berühmt ist zum Beispiel eine autobiografische Skizze vom Juni 1937, ein Jahr vor Glausers frühem Tod. Diese und weitere Briefe wären 1994 um ein Haar in der Kehrichtverbrennung gelandet.

Friedrich Glauser, mit Hut und Zigarette im Mund draussen sitzend, auf einer Schreibmaschine schreibend.

Bildlegende: Friedrich Glauser im Jahr 1938. Nachlass Glauser / Schweizerisches Literaturarchiv

«Daten wollen Sie? Also», schrieb Friedrich Glauser am 15. Juni 1937 in einem Brief an Josef Halperin, und dann legte er los. Sein getriebenes und verpfuschtes Leben warf er aufs Papier und Halperin vor die Füsse. Dass wir diesen und andere Briefe Glausers heute noch lesen können, ist dem Zufall zu verdanken – und zwei angefressenen Literaturliebhabern: Bernhard Echte und Heiner Spiess.

Aufschub der Müllverbrennung

Die beiden kannten die Briefe Glausers an Josef Halperin von ihrer editorischen Tätigkeit. Die Briefe lagen inzwischen bei Halperins Sohn. Später erfuhren Echte und Spiess vom Tod Thomas Halperins und davon, dass die Nachkommen das überschuldete Erbe ausgeschlagen hatten.

Die beiden gelangten ans Betreibungsamt. Sie informierten, dass es in der Wohnung wichtige literarische Dokumente gebe und baten um Benachrichtigung, wenn es zur Räumung komme.

Als Heiner Spiess dann aber in Thomas Halperins Wohnung stand, konnte er die doch immerhin 60 Glauser-Briefe nicht finden. Verzweifelt rief er Bernhard Echte an. Dieser konnte durchsetzen, dass der Müllwagen mit der gesamten Habe Halperins in der Kehrichtverbrennungsanlage an der Zürcher Josefstrasse beiseite gestellt wurde.

Ein Hunderter für eine Plastiktüte

Am nächsten Morgen früh wurde Bernhard Echte und Heiner Spiess der Inhalt des Müllwagens vor die Füsse gekippt. Sie kamen sich vor wie Narren. Nach einer langen Weile des Wühlens und Suchens sahen sie eine weisse Plastiktüte. Bernhard Echte wusste instinktiv: Da drin sind die Briefe. So war es, und den Aufenthalt im Müll hatten sie schadlos überstanden. Die beiden waren so glücklich, dass sie den verdatterten Müllmännern 100 Franken in die Hand drückten.

Friedrich Glauser an Josef Halperin am 15. Juni 1937

«Daten wollen Sie? Also: 1896 geboren in Wien von österreichischer
Mutter und Schweizer Vater. Großvater väterlicherseits Goldgräber in
Kalifornien (sans blague), mütterlicherseits Hofrat (schöne Mischung, wie?).
Volksschule, 3 Klassen Gymnasium in Wien. Dann 3 Jahre Landerziehungsheim
Glarisegg. Dann 3 Jahre Collège de Genève. Dort kurz vor der Matur
hinausgeschmissen … Kantonale Matur in Zürich. Dann Dadaismus. Vater wollte
mich internieren lassen und unter Vormundschaft stellen. Flucht nach Genf … 1
Jahr (1919) in Münsingen interniert. Flucht von dort. 1 Jahr Ascona. Verhaftung
wegen Mo [Morphin]. Rücktransport. 3 Monate Burghölzli (Gegenexpertise, weil
Genf mich für schizophren erklärt hatte). 1921–23 Fremdenlegion. Dann Paris
Plongeur [Tellerwäscher]. Belgien Kohlengruben. Später in Charleroi
Krankenwärter. Wieder Mo. Internierung in Belgien. Rücktransport in die
Schweiz. 1 Jahr administrativ Witzwil. Nachher 1 Jahr Handlanger in einer
Baumschule. Analyse (1 Jahr) … Als Gärtner nach Basel, dann nach Winterthur. In
dieser Zeit den Legionsroman geschrieben (1928/29), 30/31 Jahreskurs
Gartenbaumschule Oeschberg. Juli 31 Nachanalyse. Jänner 32 bis Juli 32 Paris
als ›freier Schriftsteller‹ (wie man so schön sagt). Zum Besuch meines Vaters
nach Mannheim. Dort wegen falschen Rezepten arretiert. Rücktransport in die
Schweiz. Von Juli 32 – Mai 36 interniert. Et puis voilà. Ce n'est pas très beau
…»

Ausstellungshinweis

Das Zürcher Museum Strauhof zeigt vom 5. Februar bis zum 1. Mai 2016 eine Ausstellung zu Friedrich Glauser mit vielen Originaldokumenten des Schriftstellers.

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