Wie kann man Romane ohne Liebe schreiben? Zur Zensur im Iran

Seit nun einem Jahr ist Präsident Hassan Rohani an der Macht. Bei seinem Amtsantritt hatten viele gehofft, dass sich Restriktionen und Zensur lockern würden. Hat sich etwas verändert im totalitären Gottesstaat Iran? Der international erfolgreiche Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan findet: Nein.

Jungen und Männer, dahinter Frauen sitzen auf Gebetsteppichen und lesen.

Bildlegende: Wer Worte verbiete, der beschädige die Sprache als solche, sagt Amir Hassan Cheheltan. Imago Stock & People

Amir Hassan Cheheltan lebt in Teheran. Der Autor kann nach wie vor nur im Ausland veröffentlichen. Denn: Noch immer herrscht im Iran Zensur. Jede künstlerische oder publizistische Arbeit muss von den Behörden genehmigt werden. Und diese sind streng – um nicht zu sagen pingelig und borniert. Vor einer Kunstausstellung beispielsweise muss der Künstler Fotos seiner Werke einreichen. Schriftsteller sind verpflichtet, ihre Texte der Zensurbehörde vorzulegen.

Amateure in der Zensurbehörde

Porträt Amir Hassan Cheheltan

Bildlegende: Amir Hassan Cheheltan Wikimedia/TH. Korr

Das Frustrierende, ja Tückische an der Sache ist: Es sind freilich keine Experten für Kunst und Literatur, die darüber entscheiden, ob etwas veröffentlicht werden darf oder nicht. Es sind Amateure, die nach Schema X vorgehen.

So sind bestimmte Worte in einem bestimmten Zusammenhang schlicht und einfach verboten. Auch ganz alltägliche, banale Worte wie der Begriff «Brust» – jedenfalls dann, wenn er im Zusammenhang mit einer Frau genannt wird. Es ist egal, ob die betreffende Textstelle eine erotische Note hat oder nicht.

Liebe ist gefährlich

Überhaupt: Was immer mit der Liebe zwischen Mann und Frau zu tun hat – es darf in der iranischen Literatur eigentlich nicht vorkommen. Amir Hassan Cheheltan findet das absurd. Worüber sonst soll man denn einen Roman schreiben, wenn nicht über die Liebe?

Amir Hassan Cheheltan ist ehrlich betrübt über die Zustände im Iran. Es geht ihm nämlich nicht nur um seine eigenen Texte und jene seiner Kollegen. Es geht ihm um viel mehr: Wer Worte verbiete, der beschädige die Sprache als solche.

Bescheidene Ansprüche

Bemerkenswert ist auch, wie bescheiden Amir Hassan Cheheltan in dieser Sache ist. Er fordert schon gar nicht erst die gänzliche Meinungsfreiheit oder die völlige künstlerische Freiheit. Was im Westen in der Regel gilt, wäre im Iran ganz und gar vermessen zu fordern.

Der Schriftsteller und seine Kollegen wollen lediglich, dass die Behörden den Ablauf ihrer Zensurtätigkeit ändern. Keine Zensur und kein Verbot mehr vor der Veröffentlichung, sondern erst danach.

Wenn sich dann herausstellen sollte, dass ein Werk womöglich etwas Verbotenes enthalte, würde der Künstler ja sowieso angezeigt. Die Kulturschaffenden wären dann gerne bereit, ihre Werke vor Gericht zu rechtfertigen, sagt Amir Hassan Cheheltan. Wichtig sei, dass die Werke überhaupt veröffentlicht würden.

Kreatives Schaffen ist sehr schwierig

Und was bedeutet die Situation im Iran für die kreative Arbeit an sich? Wie ist literarisches Schaffen überhaupt möglich, wenn einem ständig die Zensur im Nacken sitzt? Schliesslich besteht ja auch die Gefahr, dass man sich im vorauseilenden Gehorsam ständig selbst zensiert.

Amir Hassan Cheheltan versucht, dies alles beim Schreiben einfach zu vergessen. Denn sonst sei kreatives Arbeiten kaum möglich. Der Druck würde ihn lähmen. Er konzentriere sich beim Schreiben ganz auf sich und seinen Laptop. Doch dies sei nicht immer ganz einfach.

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