Wieder in New York, wieder die Diagnose: Krebs

Als Korrespondentin hat Verena Lueken lange für die «FAZ» aus New York berichtet. Nun hat sie ihren ersten Roman verfasst: In «Alles zählt» erkrankt eine namenlose Protagonistin an Lungenkrebs. Einmal mehr. Wie weiter? Lakonische Protokolle vom Überleben.

Skyline von New York im Nebel.

Bildlegende: Die Stadt New York ist Schauplatz des autobiographisch gefärbten Romanerstlings von Verena Lueken. Reuters

«New York im Sommer. Beissendes Licht, brüllende Hitze, eine erbärmliche Zeit, um zu sterben.» Sie liest diesen Satz des Schriftstellers James Salter. Sie, die namenlose Frau mittleren Alters in Verena Luekens Roman über eine Diagnose. Sie lautet Krebs, wieder einmal.

Die Krankheit ist zurückgekehrt in diesem Sommer in Harlem – mit Fieber und Brustschmerzen. Zunächst ist es nur eine Ahnung, dann Gewissheit im trockenen Bericht der Klinik: ein Tumor in der Lunge, der Rückfall. Ist das schwarze Magie, fragt sie, wieder dieser Befund und wieder in New York.

Mit bitterer Routine

Sie ist Journalistin. Beruf: Reporterin. Nach New York, ihrer Wahlheimat, ist sie gekommen, um an einem Buch zu arbeiten und auch, um sich neu zu orientieren. Freunde haben ihr das Appartement für drei Monate überlassen. Sie wollte Abstand zu ihrer Zeit in Frankfurt und den Verhältnissen dort.

Jetzt ist alles anders. Sie zählt das Geld für die Operation, plant mit fast schon bitterer Routine die Tage in der Klinik und die folgende Therapie. Sie hat Glück: «Die kleine, drahtige Frau mit den Eisenhänden» ist ihre Chirurgin. Sie ist die Beste und die OP ein Erfolg.

Gedanken ausser Kontrolle

Alles zählt, jetzt, in den Wochen des Deliriums danach. In der zersetzten Zeit, in der die Schmerzen und die Gedanken ausser Kontrolle sind, Erinnerungen von ihr Besitz ergreifen. Bilder eines Vaters, der nichts hinterlässt als eine grosse Leere und einer dominanten Mutter, die jahrelang ein Doppelleben führt und über 90 ist, als sie stirbt. Gedanken an den Lebensgefährten, der 9/11 miterlebt hat und seitdem nie wieder nach New York kommen will.

«Alles zählt» ist mehr als Krankheitsgeschichte. Abschweifungen, Vor- und Rückblenden ordnen den Fluss der Gedanken. In ihnen weitet sich die Biographie der Heldin zur Familiengeschichte. Zur Milieustudie der Mutter, einer eigenwilligen, libertären Frau in der Lebenswelt der 50er-Jahre. Einer Mutter, die drei Wochen lang mit ihrer Tochter kein Wort spricht und mit ihrem Geliebten und dem Vater unter einem Dach lebt.

Begegnungen in New York und Bruma

Berichte aus New York sind in die Erzählung gewoben, erinnerte Begegnungen mit Künstlern und Autoren. Harold Brodkey tritt auf, der Saxophonist Sony Rollins und der Dokumentarfilmer Albert Maysles. Sein Film über das Rolling Stones-Konzert von Altamont ist ihr so nah, als würde sie ihn gerade jetzt sehen. Vor Jahrzehnten sind die Zeilen der Pop-Songs geschrieben, die sie jetzt im Kopf hat. Alles ist Gegenwart. Ein bisschen verrückt, aber doch ganz plausibel im Fluss und in der Logik dieses Romans.

Am Schluss steht eine Wiederholung. Die Protagonistin erinnert sich an eine Reise nach Rangun und eine Begegnung, nah und distanziert zugleich. Und sie reist noch einmal nach Burma.

Die Autorin Verena Lueken arbeitet als Film- und Literaturkritikerin bei der «FAZ». Sie hat einen Band mit «Kinoerzählungen» veröffentlicht und Reportagen aus New York. Die autobiographischen Züge ihres Romans sind also erkennbar. Wie weit sie reichen, ist nicht wichtig. «Alles zählt» ist in seiner stilistischen Eleganz und Lakonie ein gelungenes Debüt.

Sendehinweis

Verena Luekens Debutroman «Alles zählt» ist am Dienstagabend Thema im Literaturclub.

Buchhinweis

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Imago/Teutopress

Verena Lueken: «Alles zählt», Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015.

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