Winnie Pu war eine Sie

Man kennt ihn aus Kinderbüchern oder aus der Disney-Serie: den Bären Winnie Pu, der mit seinen Freunden im Hundert-Morgen-Wald lebt. Autor A.A. Milne hat ihn für seinen Sohn Christopher Robin geschaffen – nach dessen Stofftier. Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Winnie gab's tatsächlich.

Die Geschichte beginnt in Kanada im Jahr 1914. Damals lebt in Winnipeg, in der Hauptstadt der Provinz Manitoba, ein Veterinär namens Harry Coleburn. Als in Europa der Krieg ausbricht, wird er einberufen. Er soll an der Front Pferde pflegen. Pferde sind im Ersten Weltkrieg wichtiges Transportmittel und Kampfgefährte in einem.

Ein Herz für ein Waisen-Bärchen

Harry Coleburn macht sich per Zug auf den Weg zur Küste, um sich einzuschiffen. Die Fahrt wird ihm zu lang, und er vertritt sich auf dem Perron in White River die Beine. Eine Pause mit Folgen: Auf einer Sitzbank entdeckt er einen echten, kleinen Bären. Daneben sitzt ein Jäger, der die Mutter des Jungen erschossen hat.

Coleburn, Tiernarr nicht nur von Berufes wegen, fasst sich ein Herz und ersteht den Bären für die damals grosse Summe von 20 Dollar. Er nennt das nordamerikanische Schwarzbärenmädche Winnie, nach seiner Heimatstadt Winnipeg.

Soldaten-Training für Winnie

Was klingt wie ein kitschiges Märchen, ist tatsächlich wahr. Kinderbuchautorin Lindsay Mattick, die Urenkelin Colemans, hat Winnies Geschichte aufgearbeitet. Und sie hat Beweise: Einen Eintrag in der Agenda ihres Urgrossvaters vom 24. August 1914: «Kaufte Bären 20 $». Und etliche Fotos.

Tierarzt Harry Coleburn nimmt Winnie mit zur Küste und setzt mit ihr nach England über. Dort, im Trainingslager des Regiments, fühlt sich der zahme Jungbär wohl und avanciert bald zum Liebling und Maskottchen der Soldaten. Die gesellige Bärin trainiert fleissig mit, spürt Beute auf und linst putzig in die Fotokamera.

Eine Gruppe Soldaten steht beieinander. Ein Soldat hält einen Bären an einer Leine.

Bildlegende: Lindsay Mattick erzählt in ihrem Buch, dass Winnie auch mit den Soldaten trainiert hat. Hachette Book Group

Die Front ist kein Ort für Bären

Diese Bilder im Besitz der Urenkelin Lindsay Mattick zeigen ein Bärenkind, das aufgerichtet Leutnant Coleburn grad mal bis zur Taille reicht. Aus heutiger Sicht ist es schier unglaublich, dass ein Bär ohne Käfig und zudem in einem Militärlager leben konnte.

Die Tage im englischen Zeltlager im Spätsommer und Herbst 1914 wirken unbeschwert. Auf den Fotos posieren die Soldaten mit Winnie gelöst und entspannt. Das ändert sich schlagartig, als Coleburns Regiment im Dezember des gleichen Jahres an die Front nach Frankreich beordert wird.

Abschied und eine neue Freundschaft

Nun hat der der Bärenvater ein Problem. Was soll aus Winnie werden? An der Front ist es für einen Bären zu gefährlich. Schweren Herzens fasst er einen Plan: Winnie soll in einem Londoner Zoo ausharren, bis der Krieg vorüber ist.

Der Plan hat Auswirkungen bis in die Literatur hinein, die heute in praktisch jedem Kinderzimmer spürbar sind. Im Zoo beginnt Christopher Robins Geschichte mit Winnie: Er ist der Sohn des englischen Schriftstellers A.A. Milne. In den 1920er-Jahren schliesst er mit der unterdessen erwachsenen Schwarzbärendame im Zoo im Londoner Regent’s Park Freundschaft.

Christopher Robin darf, wie andere Kinder auch, mit der zahmen Bärin sogar in ihrer Grube spielen. Bald heisst das Stofftier des Jungen auch Winnie. Der Vater ist fasziniert und spinnt aus Stofftier Winnie und den anderen Stofftieren seines Sohnes Geschichten. «Winnie the Pooh» heisst das Buch, das 1926 erscheint.

Für immer Winnie Pu

Und Coleburn? Er kehrt 1918 tatsächlich aus dem Krieg zurück und besucht seinen Schützling in London. Als er jedoch sieht, wie gut Winnie sich eingelebt hatte, belässt er sie in London. Sehr zur Freude der Kinder, denen die kanadische Bärin bis 1934 erhalten bleibt. Dann stirbt sie, wie sie gelebt hat: friedlich.

In Milnes Büchern ist Winnie jedoch weiterhin quicklebendig. Diese gefallen auch Walt Disney, der 1961 die Rechte kauft und daraus jenen gelben Honigliebhaber Winnie Puuh macht, der heute aus Film und Fernsehen bekannt ist und etliche Produkte ziert: von der Zahnbürste bis zur Bettwäsche. Dank Hollywood ist das ehemalige Bärenwaisenkind unsterblich geworden.

Vorlesetag: «Pu der Bär»

Befragt nach seinem Lieblingsbuch antwortete der Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler Harry Rowohlt stets: «Winnie-the-Pooh».

Radio SRF 2 Kultur bringt den literarischen Klassiker integral zu Gehör. Vorgelesen vom 2015 verstorben kongenialen Rezitator Harry Rowohlt.

«HörPunkt-Vorlesetag» am 2. Januar 2016 von 9.00 bis 21.00 Uhr.

Buchhinweis

Buchhinweis

Hachette Book Group

Lindsay Mattick, Sophie Blackall: «Finding Winnie». Little, Brown Books for Young Readers, 2015.

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