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Wie Kritiker über Autorinnen schreiben: Über das Buch «Hemingways sexy Beine»
Aus Kultur-Aktualität vom 11.10.2019.
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Frauen im Literaturbetrieb Was lesenswert ist, sagen immer noch die Männer

Literaturkritiker sind meistens männlich. Das hat weitreichende Folgen – nicht nur für Autorinnen.

Vor zwei Jahren entlarvte der Skandal um Harvey Weinstein die Filmbranche in ihrer sexuellen Übergriffigkeit. Das hatte Auswirkungen auf die Musikindustrie, Wissenschaft, Politik – und nicht zuletzt auch auf den Literaturbetrieb.

Dass vor zwei Wochen zwei Literaturnobelpreise verliehen wurden, statt wie üblich einem, ist eine der Nachwehen von #MeToo: Wegen Belästigungs- und Korruptionsvorwürfe gegenüber einem Mitglied der Schwedischen Akademie fiel die Vergabe 2018 aus.

#MeToo ist ein Aufschrei gegen sexuellen Missbrauch an Frauen. Er setzte auch eine Sensibilisierung in Gang, die ganz grundsätzlich danach fragt, welchen Formen von Diskriminierung Frauen am Arbeitsplatz ausgesetzt sind.

Kritiker sind vorwiegend männlich

Im Literaturbetrieb sei die Benachteiligung der Frauen heute weniger eine Frage der ungleichen Zugangsbedingungen zum Schreiben und Publizieren als eine der öffentlichen Anerkennung und Wertschätzung, sagt Veronika Schuchter von der Universität Innsbruck.

Seit 2017 erforscht die Literaturwissenschaftlerin die Geschlechterverhältnisse im Literaturbetrieb und nimmt dabei die wohl prestigeträchtigste Gilde der Literatur in den Fokus: die Kritik.

Veronika Schuchter

Veronika Schuchter

Literaturwissenschaftlerin

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Mag. Dr. Veronika Schuchter ist Senior Scientist am Innsbrucker Zeitungsarchiv der Unversität Innsbruck. Ausserdem ist sie Mitherausgeberin des Online-Journals Literaturkritik.at, Link öffnet in einem neuen Fenster.

Dass der literarische Kanon bis heute vorwiegend männlich ist, liege daran, dass die Literaturkritik noch immer mehrheitlich von Männern geschrieben wird. Und das, obwohl es sowohl bei den Leserinnen wie bei den Lektoren einen klaren Überhang an Frauen gibt.

Schuchters Forschungsprojekt untersucht die Verteilung von Männern und Frauen bei der Besprechung von Belletristik in deutschsprachigen Zeitungen über einen Zeitraum von 15 Jahren.

Männer besprechen Männer

Dabei hat sie festgestellt, dass über zwei Drittel der Kritiker Männer sind. Diese besprechen deutlich mehr Bücher von Männern als von Frauen – auch hier besteht das Verhältnis 70 zu 30. Bei den rund 30 Prozent weiblichen Kritikerinnen ist das anders: Sie besprechen Bücher von Männern und Frauen zu fast gleichen Teilen.

Legende:
Welche Bücher Kritikerinnen und Kritiker besprechen Literaturkritik in Zahlen / Innsbrucker Zeitungsarchiv zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur

Einen Grund für dieses Missverhältnis sieht Veronika Schuchter in der Lesesozialisation: «Frauen sind sich von klein auf gewohnt, Bücher von Männern zu lesen, sich in männliche Figuren und Narrative hineinzuversetzen.» Männer hingegen würden das umgekehrt nicht in gleichem Ausmass lernen.

Die Folgen der Ungleichheit

Das habe auch Folgen für die Gesellschaft, sagt Schuchter: «Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, dass Literatur uns befähigt, Empathie zu entwickeln. Werden Männer nicht sozialisiert, sich in die Lage und Perspektive von Frauen oder von hierarchisch tiefer gestellten Menschen zu versetzen, ist das ein gesamtgesellschaftlicher Verlust.»

Die mangelnde Auseinandersetzung von Männern mit Texten von Frauen schlage sich auch in ihrem Wertungsverhalten nieder, erklärt Schuchter. Deutlich werde das etwa im Sprachgebrauch. Geschlecht werde häufig bewusst oder unbewusst als Leitdifferenz auf ästhetische Fragen übertragen, sagt Schuchter: «So wird über Peter Handke nicht geschrieben, dass er extrem gefühlsbetont, autobiographisch und esoterisch schreibt – obwohl das natürlich stimmt. Das sind in der Literatur weibliche und eher abwertende Attribute. Stattdessen wird Handke als intellektuelles Genie gehandelt.»

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Soziologin Franziska Schutzbach über #MeToo und die Folgen
Aus Kulturplatz vom 16.10.2019.
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«Zutritt von Mannes Gnaden»

Dass männliche Autoren häufiger und ausführlicher rezensiert werden, liegt nicht etwa daran, dass es weniger weibliche Autorinnen gibt. Vielmehr liege es an der Arbeits- und Werteverteilung im Literaturbetrieb, sagt Schuchter: «Viele weibliche Autorinnen schaffen es nicht über ein Debüt hinaus, weil sie nicht die gleiche mediale Aufmerksamkeit erhalten wie männliche Autoren.». Damit ist der «Zutritt der Frauen in die Medienwelt eine von Mannes Gnaden», wie sich die Literaturkritikerin Iris Radisch einst in der «Zeit» äusserte, Link öffnet in einem neuen Fenster.

«Der Literaturbetrieb ist ein Mikrokosmos, in dem die gleichen Dynamiken wie in der Gesellschaft als Ganzes stattfinden», erklärt Veronika Schuchter.

Wenn die prestigeträchtige Position des Experten vor allem Männern zukommt, die wiederum vornehmlich Männern öffentliche Anerkennung zollen, begünstigt das ein gesellschaftliches Wertesystem, das Frauen weniger Anerkennung zugesteht.

Damit sich im Literaturbetrieb ein Gleichgewicht einstellen kann, muss sich die Gesellschaft verändern, sagt Schuchter: «Das Ziel ist, dass es uns gar nicht mehr bewusst werden muss, dass das Gelesene von einer Frau oder einem Mann stammt. Und, dass uns Bücher des anderen Geschlechts nicht länger als ‹zu fremd› vorkommen können, um sie zu lesen.»

7 Kommentare

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  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Ich persönlich finde diese Diskussion völlig überflüssig. Entscheiden tut am Schluss die Leserin, der Leser. Die Geschlechter spielen dabei überhaupt keine Rolle. Weder bei den Schriftstellerinnen und Schriftstellern noch bei den Kritikerinnen und Kritiker. Die lesende Person ist letztlich entscheidend. Ich persönlich lese viel und freue mich über jedes interessante und/oder spannende Buch. Die Frage nach dem Geschlecht ist da völlig irrelevant.
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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Die besten Kritiker-innen sind die Personen die ein Buch lesen und die sind männlich und weiblich. Eine Autorin oder ein Autor soll auf seine Leser hören und nicht auf dass was ein professioneller Kritiker sagt oder schreibt.
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  • Kommentar von Fritz Münz  (Fritz Münz)
    Langsam geht mir dieses Frauen-Männer Gestürm wirklich auf den Keks. Ist mir doch egal wenn der Nationalrat zu 90% aus Frauen besteht, Hauptsache in der nächsten Legislatur wird NettoNull bis 2030 aufgegleist, egal von wem.

    Ich fordere eine 50:50 Quote für den Numerus Clausus als Zulassung fürs Medizinstudium. Ich fordere eine 30% Frauenquote bei der Müllabfuhr und im Tunnelbau
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