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«Maschinen wie ich» von Ian McEwan
Aus 52 beste Bücher vom 21.07.2019.
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KI und Ian McEwan «Wenn Roboter auf den Markt kommen, kaufe ich garantiert einen»

Ein Roboter, der allwissend ist und erst noch Gefühle hat? In Ian McEwans Roman «Maschinen wie ich» ist ein Roboter unheimlich menschlich. Wie steht es um die Beziehung von Mensch und Maschine? Literaturredaktorin Esther Schneider hat den Starautoren zum Gespräch getroffen.

Es war ein Auflauf wie bei einem Popstar. Weit über 700 Menschen strömten in die Aula der Universität in München, um den britischen Schriftsteller Ian McEwan zu sehen und zu hören. Sie trafen einen Autor in aufgeräumter Stimmung, der eloquent und witzig über künstliche Intelligenz und die Liebe im Roboter-Zeitalter sprach.

Keine Science-Fiction

Ian McEwan hat einen Roman mit dem Titel «Maschinen wie ich» über künstliche Intelligenz geschrieben. Es ist aber, wie er betont, keine Science-Fiction. Das interessiert ihn nicht. Science-Fiction assoziiert er mit fliegenden Untertassen oder Krieg auf anderen Planeten. Er dagegen will ausloten, in welchen Bereichen künstliche Intelligenz unseren Alltag verändert.

So spielt Ian McEwans Geschichte nicht in ferner Zukunft oder auf einer Raumstation. Sie spielt in London und in der nahen Vergangenheit. Einer Vergangenheit allerdings, in der es bereits künstliche Menschen gibt. Also Roboter, die dem Menschen sehr ähnlich, ja kaum von ihm zu unterscheiden sind. Ein junges Paar, Charlie und Miranda, holt sich einen solchen Roboter ins Haus und erlebt sein blaues Wunder.

Einen Tag nach der Lesung treffe ich Ian McEwan beim Bayrischen Rundfunk zum Tête-à-Tête. Unser Gesprächsthema, natürlich: das komplizierte Verhältnis von Mensch und Maschine.

SRF: Bevor wir näher auf die Geschichte im Roman eingehen: Hätten Sie selber auch gerne einen Roboter?

Ian McEwan: Wenn Roboter auf den Markt kommen, bin ich garantiert der Erste, der in der Schlange steht, um einen zu kaufen. Ich weiss zwar nicht, ob ich Freude dran hätte, aber meine Neugierde ist einfach zu gross. Wie es dann wäre, mit ihm zusammenzuleben, weiss ich nicht. Ich vermute, es würde sich anfühlen, als würde ich mich in einem Computerspiel bewegen.

Wenn es dereinst humanoide Roboter gibt, werden wir Menschen zu Beginn wohl nicht recht wissen, wie wir uns ihnen gegenüber verhalten sollen. Aber die menschlichen Gewohnheiten oder Instinkte gegenüber humanoiden Wesen sind so stark, dass wir sie höchstwahrscheinlich wie einen Menschen behandeln werden

Müssten wir das?

Ich denke, das würde eine vollausgereifte, künstliche Intelligenz mit Bewusstsein von uns erwarten. Roboter Adam ist eine solche Figur. Er ist mit allem ausgestattet. Er ist intelligent, gebildet und empathisch. Als Charlie im Roman fragt, ob er Schmerz empfinden und sich verlieben könne, sagt Adam, aber sicher. Ob er ihn beleidigen wolle.

Die Frage ist nur: Glauben wir ihm das? Welchen Beweis haben wir? Das geht uns ja nicht nur bei Robotern so. Was wissen wir schon über das Bewusstsein anderer Menschen? Das ist ein altes philosophisches Problem.

Und Charlie, meine Hauptfigur, bleibt Adam gegenüber ambivalent. Er steht als Figur für das, was in mir selber vorgeht, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Diese Ambivalenz, die ich gegenüber künstlicher Intelligenz habe.

Roboter Adam bringt das Leben des Paares ziemlich durcheinander. Das fängt damit an, dass Miranda eines Nachts Sex mit dem Roboter hat und Charlie es hört. Als er tags darauf Miranda darauf anspricht, lacht sie nur und meint, Adam sei doch eine Maschine, nicht mehr als ein Vibrator. Warum hat Charlie Mühe damit?

Das Gespräch zwischen Miranda und Charlie nach dieser «Nacht der Schande» zielt auf die zentrale Frage, ob wir Adam als Menschen oder als Maschine sehen. Charlie ist hin- und hergerissen. Einerseits ist er wütend und fühlt sich betrogen.

Er findet, Adam stehe es nicht zu, sich zu verlieben. Andererseits weiss er genau, dass Adam kein Mensch ist. Also sollte er auch nicht eifersüchtig sein. Nur: Adam verfügt über das ganze Spektrum an Gefühlen. Er schreibt sogar Liebes-Haikus an Miranda.

Wenn wir Adam als menschliches Wesen wahrnehmen, heisst das im Endeffekt auch, dass wir akzeptieren, dass er sich verliebt, dass er Begehren empfindet. Das ist sowohl für mich wie auch für die Lesenden der Lernprozess hinter dieser Geschichte. Am Ende steht die Frage, ob es überhaupt noch einen Unterschied gibt zwischen Mensch und Maschine. Macht es da noch Sinn, dass Charlie und Miranda darüber diskutieren?

Wenn es keinen Unterschied mehr gibt zwischen Mensch und Maschine, heisst das auch, dass wir Roboter Adam gleiche Rechte zugestehen müssen wie einem Menschen? Darf Charlie Adam dann noch als Besitz betrachten und als Gratis-Arbeitskraft benutzen?

Das ist die fundamentale Frage im Roman. Das treibt Charlie auch um. Ist Adam sein Besitz? Immerhin hat er Adam für viel Geld gekauft, ihn heimgebracht und aufgestartet. Aber langsam begreift er, dass er Adam nicht besitzen kann. Diese Erfahrung werden alle Menschen machen, wenn Roboter in ferner Zukunft in unser Leben eindringen.

Am Anfang werden wir sie noch als Besitz behandeln. Sie werden unseren Abwasch erledigen und andere Hausarbeit. Aber das wird nur im Frühstadium so sein. Sobald sie verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen, wird sich das ändern.

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Was Maschinen besser können | Ian McEwan | Roman | «Steiner & Tingler»
Aus Steiner & Tingler vom 23.07.2019.
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In Ihrem Roman «Maschinen wie ich» stellt sich heraus, dass Adam ganz und gar auf gut programmiert ist. Das heisst: Er hat hohe moralische Grundsätze. Darin unterscheidet er sich von Charlie und Miranda. Die Menschen sehen gewisse Dinge nicht so eng. Sie haben je nach Situation etwas weniger strikte Vorstellungen bezüglich Recht und Unrecht. Nach welchem Koordinatensystem handelt Adam?

Das ist so. Wir haben zwar moralische Grundsätze, aber wir weichen gerne mal davon ab, wenn es uns passt oder zu unserem Vorteil ist. Wir sind nicht perfekt, was Moral angeht. Adam wird mit menschlicher Widersprüchlichkeit und Imperfektion konfrontiert und kann damit nicht umgehen. Er versteht zum Beispiel nicht, dass eine Notlüge manchmal Sinn machen kann. Mir ging es in der Geschichte darum zu zeigen, dass es da einen Unterschied zwischen Mensch und Maschine gibt.

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Ian McEwan: «Maschinen wie ich». Diogenes, 2019
Aus Literaturclub vom 21.05.2019.
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Kann es sein, dass wir irgendwann erleben müssen, dass künstliche Intelligenz dem Menschen auch in moralischer Hinsicht überlegen ist?

Es ist natürlich unmöglich, die Zukunft vorauszusagen. Wir werden auch nicht hier sein, um es zu erleben. Aber ich bin sicher, dass wir vor einem grossen gesellschaftlichen und zivilisatorischen Umbruch stehen. Im Moment werden gerade die Grundlagen dafür gelegt.

Es kann also durchaus sein, dass die künstliche Intelligenz, dass Roboter wie Adam klüger als wir Menschen sind, und uns vor allem auch moralisch überlegen sein werden.

Das Gespräch führte Esther Schneider.

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