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Buchbesprechung von Usama Al Shahmanis «Im Fallen lernt die Feder fliegen»
Aus Kultur-Aktualität vom 09.09.2020.
abspielen. Laufzeit 03:18 Minuten.
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Roman über Geflüchtete Auf der Flucht verstummt die Sprache

Wer fliehen muss, verliert oft nicht nur den Kontakt zur Aussenwelt, sondern auch zu sich selbst. Davon erzählt der Autor Usama Al Shahmani im aktuellen Roman «Im Fallen lernt die Feder fliegen».

«Ich habe kein Haus, in dem ich geboren oder aufgewachsen bin. Wenn die Rede auf den Irak kommt, quält es mich bloss, und ich empfinde meine Seele wie einen Haufen trockenes Heu. (…) Meine Geschichte ist verknüpft mit dem Schweigen darüber.»

Es ist Aida, die hier erzählt. Eine 28-jährige Frau, die aus dem Irak geflohen ist und seit über einem Jahrzehnt in der Schweiz lebt. Die fiktive Figur steht im Zentrum des subtil erzählten Romans von Usama Al Shamani. Der irakischstämmige Autor selber lebt in Frauenfeld.

Die Sprachlosigkeit

«Im Fallen lernt die Feder fliegen» ist innerhalb neuerer literarischer Aufarbeitungen zum Thema Flucht besonders: Der Roman rückt die Sprache ganz ins Zentrum, oder vielmehr den schmerzhaften Verlust der Sprache, wie er Menschen in der Fremde bisweilen widerfährt.

So wie Aida. Sie geht der Sprache aufgrund der Flucht gleich doppelt verlustig: Zum einen kann sie sich – zumindest anfänglich – in ihrer neuen Heimat kaum verständigen. Zum anderen verstummt die junge Frau auch innerlich, in ihrer Seele: Das Erlebte ist zu schmerzhaft, als dass sie die Erinnerung daran zulassen könnte.

Diffuse Identität

Aida versucht ihre Herkunft zu verdrängen, auftauchende Erinnerungen zu unterdrücken oder vom Ich abzuspalten. Als Folge verliert sie die Beziehung zu einem Teil ihres Selbsts und tut sich schwer im Umgang mit anderen.

Etwa mit ihrem Freund Daniel, der sich zwar empathisch für die Geschichte seiner Partnerin interessiert, mit seinen Fragen aber immer wieder auf Granit beisst – und schliesslich geht.

Buchhinweis

Usama Al Shahmani: «Im Fallen lernt die Feder fliegen». Limmat Verlag, 2020.

Auf der Flucht

Aida wird 1992 geboren. Sie ist mit ihren schiitischen Eltern auf der Flucht vor dem Horror der Saddam-Diktatur und gelangt nach einer Odyssee in die Schweiz. Insbesondere der Vater wird nie heimisch.

Neun Jahre lebt die Familie in der Schweiz. Aida integriert sich, spricht perfekt Schweizerdeutsch, reüssiert in der Schule. Doch nach Saddams Sturz wollen die Eltern zurück in ihr irakisches Dorf. In die Heimat.

Eine kurdische Familie auf der Flucht. Unter den Geflüchteten sind auch Kinder zu sehen.
Legende: Die Flucht als letzter Ausweg vor Diktator Saddam Hussein (Foto aus dem Jahr 1991). Keystone / AP / Heribert Proepper

Die Teenagerin muss an einen Ort ziehen, der ihr feindlich erscheint. Mädchen zählen nichts in der ländlichen irakischen Gesellschaft. Keine Schulbildung. Dafür soll Aida möglichst bald heiraten.

«Vater hatte uns angelogen. Das war nicht die Heimat, von der er uns in der Schweiz erzählt hatte. Alles hatte eine männliche Farbe, eine männliche Stimme und einen männlichen Geschmack.»

Die zweite Flucht

Aida flieht erneut. Dieses Mal ohne Eltern, nur mit der älteren Schwester. Auf abenteuerlichen Pfaden gelangen die beiden via Istanbul und Wien zurück in die Schweiz.

Doch der Schmerz über die fehlenden Wurzeln bleibt. Und die Unfähigkeit, darüber zu reden und das eigene Leben aktiv zu gestalten.

«Seit meiner Flucht nehme ich immer wieder wahr, dass ich mich von meinem eigenen Leben distanziere. Ich lasse die Ereignisse in meinem Leben geschehen, als gingen sie mich nichts an, fühle mich wie eine Zuschauerin im Theaterstück meines eigenen Lebens.»

Eine Stimme für die Geflüchteten

Der neue Roman von Usama Al Shahmani schildert ein Los, das stellvertretend steht für Millionen von Geflüchteten. Der Autor kennt es aus eigener Anschauung.

Er wurde 1971 in Bagdad geboren. Seine Jugend war vom Krieg geprägt. Als 30-Jähriger verfasste er ein regimekritisches Theaterstück und floh 2002 vor den Schergen Saddam Husseins in die Schweiz.

Usama Al Shahmani hat bereits mehrere Bücher auf Deutsch geschrieben, die sich mit der Lage von Geflüchteten befassen. Zuletzt den mehrfach ausgezeichneten Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» von 2018.

Usama Al Shahmani auf der Literaturplattform «Ansichten»

Usama Al Shahmani
Legende:SRF / Lukas Maeder

Die SRF-Literaturplattform Ansichten stellt aktuelle Schweizer Autorinnen und Autoren mit einer Kurzbiografie, Lesetipps sowie Radio- und TV-Ausschnitten vor – auch Usama Al Shahmani.

Heilung durch Literatur

Die Geschichte von Aida lässt der Autor hoffnungsvoll enden: Ihr Zustand verbessert sich, als sie über sich und ihre Geschichte zu schreiben beginnt.

«Es ist, als suche ich in mir nach mir selbst. (…) Das Schreiben lässt meine Gefühle in Worte fallen, sie fallen wie glühende Kohlestücke in einen fliessenden Bach, verursachen ein zischendes Geräusch, stossen ein wenig Dampf zum Himmel empor und werden dann still vom Wasser weggetragen. (…) Ich liebe die Sprache.»

So gesehen ist der Roman mehr als eine gekonnte Aufarbeitung der Flüchtlingsthematik. Er ist auch eine Hommage an die heilende Kraft des Erzählens.

«Die Sprachlosigkeit war auch bei mir ein grosses Thema»

«Die Sprachlosigkeit war auch bei mir ein grosses Thema»
Legende:Keystone / Ennio Leanza

Fünf Fragen an Usama Al Shahmani

SRF: Wie sehr verarbeiten Sie in diesem Roman über die geflüchtete Aida Ihre eigenen Erfahrungen als Mensch, der vor knapp 20 Jahren aus dem Irak fliehen musste und seither in der Schweiz lebt?

Usama Al Shahmani: Der Roman erzählt vom Ankommen in der Fremde und dem Versuch, die Beschädigungen der Flucht zu überwinden. Dazu gehört es auch, herauszufinden, wie man mit der Freiheit umgeht, wenn man in einer Diktatur aufgewachsen ist.

All das spiele ich an fiktionalen Figuren durch. Auch wenn sie zweifelsohne viel mit mir zu tun haben, ist das Buch keine Autobiografie. Die Verbindung besteht vielmehr darin, dass ich aufgrund meiner persönlichen Erfahrung einverstanden bin mit dem, was da steht.

Im Unterschied zu früheren Büchern erzählen Sie nun aus der Perspektive einer weiblichen Hauptfigur über die Flucht. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

Wenn wir über Flucht reden oder auch über die Diktatur unter Saddam, ist meistens von Männern die Rede. Dabei sind auch die Frauen Teil der Geschichte der Flucht.

Zudem wollte ich das Drama der Flucht und der Verlorenheit am neuen Ort am Beispiel einer ganzen Familie zu zeigen. Und da eignete sich die Figur der jugendlichen Tochter besser als beispielsweise ein Sohn. Töchter sind traditionell stärker an die Familie gebunden und erleben die Zerrissenheit in einer freien Welt umso deutlicher.

Aber es war natürlich für mich als Mann manchmal auch schwierig, mich in diese Frau hineinzuversetzen, wie sie spricht, denkt und fühlt.

Sie leidet daran, dass sie nicht über ihre Vergangenheit sprechen kann und auch für sich selbst Erinnerungen nicht zulässt. Entspricht diese quälende Stille nach innen und nach aussen auch Ihrer Erfahrung?

Ja, die Sprachlosigkeit war auch bei mir ein grosses Thema. In der Zwischenzeit habe ich drei Bücher über die Flucht geschrieben. Aber ich kann noch immer nicht über alles reden. Es gibt einen Teil, der im Verborgenen bleiben will.

Aida überwindet den Schmerz und die Isolation durch das Schreiben.

Dadurch schafft sie es, sich ein Stück weit mit der Vergangenheit zu versöhnen. Im Schreiben über Erinnerungen findet sie eine neue Heimat. Sie fasst wieder Tritt.

In dieser Wendung im Roman ist viel von mir drin: Für mich ist meine Heimat heute das Denken und das Schreiben. Da spüre ich Vertrautheit.

Sie leben seit bald 20 Jahren als anerkannter Schriftsteller in Frauenfeld. Fühlen Sie sich eigentlich schon als Schweizer?

(lacht) Einen Schweizer Pass habe ich nicht. Aber ich nehme teil am gesellschaftlichen Leben, ich arbeite hier, ich engagiere mich, wir fühlen uns als Familie integriert und wohl in unserem Quartier. Und ich wandere gern und oft – so wie viele Schweizerinnen und Schweizer.

Das Gespräch führte Felix Münger.

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