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Zum 80. Geburtstag Hansjörg Schneider: «Ich bin für produktive Anarchie»

In seiner Autobiografie «Kind der Aare» schaut Hansjörg Schneider auf sein Leben zurück, vor allem auf die Kindheit und Jugend im Kanton Aargau. Er schreibt, wie man ihn kennt – manchmal zornig, manchmal wehmütig, manchmal sehr direkt und schonungslos, auch mit sich selber.

Hansjörg Schneider
Legende: «Kind der Aare» ist auch eine Referenz an Schneiders bäuerliche Herkunft. Keystone/Gaetan Bally

Hansjörg Schneider hat auch im Alter von 80 Jahren manchmal noch eine Wut im Bauch. Diese Wut ist für ihn ein Motor zum Schreiben. Das zeigt sich auch in seiner Autobiografie «Kind der Aare».

Hansjörg Schneider wurde 1938 geboren, ist also während des Krieges und kurz danach aufgewachsen. «Wenn ich über diese Zeit schreibe, kommt die Wut einfach hoch», sagt er, «vor allem die Wut auf das Männerregiment, das die Schweiz in den 40er- und 50er-Jahren geprägt hat.»

Hansjörg Schneider

Hansjörg Schneider

Schriftsteller

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Hansjörg Schneider 1938 geboren und in Zofingen im Kanton Aargau aufgewachsen. Er gehört zu den meistgespielten deutschsprachigen Dramatikern und schrieb zahlreiche Romane und Erzählungen. Einem breiten Publikum bekannt geworden ist er mit seinen Hunkeler-Kriminalromanen, die mit Mathias Gnädinger in der Hauptrolle auch verfilmt wurden. Hansjörg Schneider lebt in Basel.

«Ich bin nachtragend»

Hansjörg Schneider wird noch deutlicher und spricht von einer Schweiz, die geistig im Jahr 1910 stehen geblieben sei. Er hat sie in Erinnerung als militarisiert und engstirnig.

Die Denkverbote, die damit einhergingen, ärgern ihn noch heute. «Man hat uns klein gemacht und niedergedrückt.» Er zürnt dabei sowohl Lehrern wie Vätern. In seiner Autobiografie schreibt er dazu:

Ich verfluche jene, die mich mit ihrer geistigen Trägheit gelangweilt haben. Das war eine Sünde gegen den heiligen Geist der Neugier. Sie sollen in der Hölle braten.

Das sind starke Worte. Ja, sagt Hansjörg Schneider, aber er stehe dazu. «Man hat uns von allem ferngehalten, was uns als junge Menschen interessiert hat, vom Jazz, von moderner Literatur und Malerei.»

«Frauen sind besser»

Sanft wird Hansjörg Schneider, wenn es um die Frauen geht. «Die waren immer lieb zu mir. Sie haben mir gezeigt, dass sie mich in Ordnung fanden.» Für ihn – der sich als linkisches und verhaltensauffälliges Kind beschreibt – war es daher schlimm, als er mit etwa neun Jahren aus der Obhut der Frauen entlassen und von Männer erzogen wurde.

Böse Männer, gute Frauen, das ist doch ziemlich schwarzweiss gemalt. «Ist es», sagt Hansjörg Schneider und meint dezidiert, «da male ich gnadenlos schwarzweiss, weil ich es so erlebt habe. Doch dieses Patriarchat hat endgültig ausgedient, spätestens seit der 68er-Bewegung.»

«Ich bin für produktive Anarchie»

Die Autobiografie «Kind der Aare» ist auch eine Liebeserklärung an den Aargau. «Ich kenne eben den richtigen Aargau», sagt Hansjörg Schneider und meint den Aargau der Wasserlandschaften und der schönen Täler.

Er spricht auch die Geschichte des Kantons an, die Zeit als der Aargau Untertanenland gewesen ist. «Das hat die Mentalität der Bevölkerung geprägt», sagt er.

Und er ist überzeugt, dass dies bis in die heutige Zeit nachwirkt: «Im Aargau schlummert ein rebellischer Geist. Es ist ein anarchischer Kanton.» Hansjörg Schneider geht sogar so weit zu sagen, dass diese Aargauer Luft der Schriftstellerei zuträglich ist.

Nicht umsonst kämen überraschend viele namhafte Autoren wie etwa Hermann Burger, Paul Haller oder Klaus Merz aus diesen Tälern.

«Lieber Stammtisch als Salon»

Man kennt Hansjörg Schneider als Saftwurzel, als einen, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Weder als Theaterautor noch als Romanschriftsteller. Aufgefallen ist er schon 1972 mit seinem Mundart-Theaterstück «Sennentuntschi», das später bei der Ausstrahlung im Schweizer Fernsehen für einen Eklat gesorgt hat.

Und seine berühmteste Romanfigur, Kommissär Hunkeler, ist genauso knorrig wie er selber. Und wie Hunkeler verkehrt auch Hansjörg Schneider in Basel lieber in der Rio Bar als in der mondänen Kunsthalle, wo sich die Kulturelite gerne trifft.

«Das Hinterland als Rückzugsort»

«Kind der Aare» ist auch eine Referenz an die bäuerliche Herkunft. Das Bäurische zeigt sich übrigens auch am Outfit. Hansjörg Schneider trägt bei unserem Treffen ein Bauernhemd. «Diese Hemden habe ich gerne, in meiner Jugend habe ich sie auf dem Zofinger Bauernmarkt gekauft.»

Die Jugend-Erinnerungen an den ländlichen Aargau sind noch heute stark. Erinnerungen an Ferien auf den Bauernhöfen der Verwandten, seine Tante Marie, die noch über jeden Brotteig, den sie in den Ofen geschoben hat, ein Kreuz gemacht hat. Hansjörg Schneider hat sich auch später im Leben immer wieder für längere Zeit auf Bauernhöfe im Jura oder im Berner Hinterland zurückgezogen.

Ich halte die Kuh für das heilige Wundertier der Eidgenossenschaft.

Dort, wo er Kuhglocken hören und Stall-Luft schnuppern konnte, wollte er schreiben. Deshalb gibt es in «Kind der Aare» auch Sätze wie diesen: «Ich halte die Kuh für das heilige Wundertier der Eidgenossenschaft.»

Leben möchte Hansjörg Schneider aber nicht im Aargau oder auf dem Land. In Zofingen, wo er aufgewachsen ist, war es ihm schon in jungen Jahren zu eng. Deshalb wohnt er seit 60 Jahren in Basel. Da fühle er sich «vogelfrei».

Heute zieht er sich auch gerne auf den Todtnauer Berg im Schwarzwald zurück. Das liegt direkt ennet der Grenze, aber noch so, dass er die Schweiz im Blick hat. Für einen wie ihn, der sich stark als Schweizer fühlt, das Schweizer-Sein aber ab und zu auch verflucht, ist das vielleicht ganz gut.

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