Zwei Bohemians in Boston: «Die Europäer» von Henry James

Transatlantische Spannungen und Verwicklungen sind das Lebensthema des amerikanischen Schriftstellers Henry James. Sein Roman «Die Europäer» ist 1878 erschienen und geht ganz darin auf. Eine Komödie der Beziehungen – von Kontinent zu Kontinent.

Schwarzweissbild: Drei schwarz gekleidete Frauen bei einer Park in einem winterlichen Park.

Bildlegende: Spielt in einer Zeit, als die USA noch keine Weltmacht waren: James' neu übersetztes Frühwerk. Bild: Central Park, 1893. Keystone

Zwei Europäer in Boston, zu Besuch bei den Wentworths. Oder: Adel trifft Finanzadel, Künstler und Bürger, um zu sehen, was sich arrangieren lässt. Wer ist wer, und wer kriegt wen? Kalkül und Kapital zwischen der alten und der neuen Welt: Das sind die Motive der Familienaufstellung in diesem frühen Roman von Henry James.

Man ist, was man sagt

Vier Hochzeiten wird es am Ende geben – und eine Abreise nach Europa. Denn eine geht leer aus: Eugenia, Baronin Münster wird erfolglos an den Ort ihrer Abreise zurückkehren. Ihr Bruder Felix Young dagegen, Künstler und Bohemien, hat Erfolg. Genauso wie Clifford und Lizzie oder Charlotte und Mr. Brand.

Man kommt und geht. Man sieht sich um, sucht Orientierung und redet. Es wird viel geredet in dieser fast ganz aus Dialogen gebauten Geschichte. Die Figuren sind, was sie sagen. Alle Verwicklungen in der Handlung sind auch Gesprächsstoff.

Verwirrung und Verwandlung

Nach Art der Operette ist dieser Roman inszeniert, der einmal mehr Henry James' Lebensthema durchführt: Amerikaner und Europäer. Alte und neue Welt: Das sind die Alternativen, auch heute.

James spielt sie in einer Zeit durch, als die USA noch keine Weltmacht sind. Auch der amerikanische Bürgerkrieg ist noch in weiter Ferne. Neuengland-Puritaner sind die Wentworths, reich als Vermögensverwalter, nicht als Industrielle. Marginal ist ihr Selbstbewusstsein, ebenso grossräumig wie engherzig sind die Lebensumstände.

Die Bohemiens aus Europa sind ihr Gegenbild: schillernde Persönlichkeiten, die den Auftritt auf der gesellschaftlichen Bühne suchen. Sie verwandeln die Szene und irgendwie auch ihre Gastgeber. Ihre Fähigkeit zu Verwirrung und Maskerade löst die Strenge und Konvention der Anderen.

James, der amerikanische Europäer

Für Henry James, den amerikanischen Europäer, liegt darin ein Gewinn für beide Seiten. Sein früher Roman spielt es durch. Mit Witz und Ironie gibt er den Kampf der Kulturen als komödiantisches Sittenbild und Bühnenperformance. Durchaus spannend ist das zu lesen, aber auch in weiter Ferne.

Der Amerikaner Henry James lebte schon in England, als er «Die Europäer» schrieb. Er hatte sich entschieden und blieb dieser Entscheidung treu. 1916 stirbt er in London als britischer Staatsbürger.

Zur Person

Ein Mann mit Vollbart und Glatze von der Seite aufgenommen.

Wikimedia/P.F. Collier & Son

Henry James (1847-1916) wuchs in einer amerikanischen Intellektuellenfamilie auf. 1875 zog es ihn nach England, wo er auch starb. Im deutschen Sprachraum lange unterschätzt, gilt James als Meister des Gesellschaftsromans und des psychologischen Frauenporträts. Und als Wegbereiter des für die Moderne wichtigen «Stream of Consciousness».

Buchhinweis

Henry James: «Die Europäer». Aus dem Englischen von Andrea Ott. Manesse, 2015.

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