Abrocken statt rumhocken: Die Omas von «Crème brûlée» heizen ein

Grauer Dutt und Stricknadeln? Von wegen: Die Grossmütter von heute sind gebildet, fit und engagiert. Sie wollen traditionelle Rollenmuster aufbrechen, den Lebensabend auskosten, sich noch einmal neu erfinden. Beispielhaft machen dies die fünf Frauen der Grossmutter-Rockband Crème brûlée.

Die Frauen von Crème brulée mit ihren Instrumenten.

Bildlegende: Bringen ihr Publikum zum Kochen: die fünf Mitglieder von Crème brulée. ZVG

Den Namen «Crème brûlée» hätten sie nicht gewählt, weil sie alle schon etwas angeschmürzelt seien. Nein, «Crème brûlée» sei etwas Altes, Bewährtes – etwas, das allen schmecke. «Genau dies soll unsere Band darstellen», sagt die Pianistin Sylvia Voegeli.

The Who in der guten Stube

Die 69-jährige Frau mit gelocktem braunen Haar sitzt gemeinsam mit ihren vier Bandkolleginnen in einer grossen Stube mit Blick ins Grüne. Alte Holzdielen, ein wuchtiger Kachelofen – es fehlt nur noch die schnurrende Katze, die sich darauf räkelt.

Doch die Szenerie täuscht: In diesem Raum wird gerockt. «My Generation», der Hit der britischen Rockgruppe The Who, dröhnt durch die Stube.

Rocken statt rollen

Gemeinsam mit ihrem Coach üben die Crème brûlée-Frauen das Lied ein. Es gehe primär ums Beisammensein und ums Musizieren, aber schon auch ums Auftreten.

«Ich habe früher Kirchenmusik gemacht. Deshalb habe ich mich anfangs gar nicht getraut, anderen Menschen von der Rockband zu erzählen», so Sylvia Voegeli. «Die Musik hat mir immer schon gefallen, ich hatte aber nie die Gelegenheit, sie auch zu spielen.»

Nun, mit fast 70 Jahren, ist die Gelegenheit gekommen. Auch die Sängerin Esther Rothen hat sich erst im hohen Alter an die Rockmusik gewagt. «Die Freude am Rhythmus ist gross.»

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Esther Rothen von «Crême brulée» zu Gast bei «Aeschbacher»

11 min, aus Aeschbacher vom 28.4.2016

Gebrechen sind kein Hindernis

Der Lebensabschnitt über 70 ist für Sylvia Voegeli und Esther Rothen ein Lebensabschnitt, in dem sich Freiheiten auftun – Freiheiten, das zu tun, was sie schon immer tun wollten. Seit fünf Jahren gibt es die Band in dieser Zusammensetzung.

Bei allem Elan mache sich das Alter aber schon auch bemerkbar. Das E-Piano oder den Verstärker selbst zu tragen, sei nicht mehr möglich. Auch das Notenlesen ohne Brille könne Schwierigkeiten machen. Diese kleineren Einschränkungen müssen die beiden Grossmütter hinnehmen.

Nicht hinnehmen wollen sie aber, in eine Schublade gesteckt zu werden. Es gefällt ihnen, etwas zu machen, was zunächst irritiert. Ältere Frauen und Rockmusik? Aber ja!

Mehr als normale Omis

Sylvia Voegeli und Esther Rothen sind auch Grossmütter im klassischen Sinne. Beide betreuen ihre Enkelkinder, kochen für sie, backen Kekse.

Aber sie wollen mehr. Sie wollen mittendrin sein im gesellschaftlichen Leben. Wie viele andere Frauen ihrer Generation wollen sie, die ihr Leben lang sozial engagiert, beruflich erfolgreich oder politisch aktiv waren, sich nicht einfach zurücklehnen.

Musik als Fitmacher

«Das Musikmachen hält mich fit», erzählt Esther Rothen. «Ich lerne die Texte auswendig, wenn ich im Fitnessstudio auf dem Crosstrainer bin.»

Missionieren wollen die beiden Frauen aber keinesfalls. «Jede Frau soll das tun, was ihr gut tut. So wie wir begeistert Rockmusik machen, können andere Grossmütter mit Begeisterung ihre Enkelkinder hüten», findet Sylvia Voegeli.

Die Revolution der Grossmütter

Mit dem Projekt «GrossmütterRevolution» fördert Migros Kulturprozent bestehende oder sich bildende Netzwerke von Frauen der Grossmütter-Generation und versteht sich als Plattform und Think-Tank für deren gesellschaftliches und politisches Engagement. Auch Crème brulée wird von der GrossmütterRevolution gefördert.

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