Alt und Neu im Dialog an den Ittinger Pfingstkonzerten

«Erinnerung – Abschied»: Das ist das Motto der diesjährigen Pfingstkonzerte Ittingen. Die Erinnerung gilt einerseits Komponisten, andererseits ist das Motto selbst Thema einiger Kompositionen. Und: Dies wird das letzte Festival mit András Schiff als künstlerischem Co-Leiter sein.

Innenaufnahme der Decke in der Kirche der Kartause Ittingen

Bildlegende: Hier begegnet sich alte und neue Musik in der umwerfend schönen Kulisse der Kirche der Kartause Ittingen. Keystone

Am besten steigt man bei der Postauto-Haltestelle Warth aus und geht die letzten 400, 500 Meter zu Fuss. Das bringt zwar staubige Konzertschuhe, doch kommt man so der Kartause Ittingen gewissermassen näher als über direktere Anreiserouten.

Nach den letzten Häusern des Dorfes liegen das Feld einer Gemüsegärtnerei und ein grosser Weinberg vor einem. Es folgt ein Gartenlabyrinth, das zwar auf kleinem Raum angelegt ist, aber dennoch anscheinend «endlos» zum Abschreiten. Gegenüber ein Fischteich unter grossen, alten Bäumen. Die Feldstrasse geht in einen Kiesweg über: Links ein kleiner eleganter Park mit Wasserbecken, rechts die typischen Häuschen der Kartäuser-Mönche, mit Kräuter- und Rosengärtchen.

Eine Leitung seit 19 Jahren - dieses Jahr zum letzten Mal

Aufnahme des Rosengartens der Kartause

Bildlegende: Ruhe und Konzentration stellt sich in Ittingen ein, dafür ist gesorgt. Keystone

Dann steht man auf dem grossen zentralen Platz der Kartause, geradeaus die «Remise», der Konzertsaal, links das vor einigen Jahren grosszügig modernisierte Restaurant, rechts der Eingang in die Kirche und ins Kloster, mit der ehemaligen Abtwohnung im ersten Stock. In Ittingen ist man sowohl ganz auf dem Land wie auch ganz im Herzen der Kultur. Hier finden seit 19 Jahren jeweils übers Pfingstwochenende die «Ittinger Pfingstkonzerte» statt.

Von Anfang an bis heute stehen sie unter der Leitung der beiden international renommierten Musiker András Schiff und Heinz Holliger. In der Abtwohnung des ehemaligen Klosters, mit Aussicht über die ganze Klosteranlage, wohnt – oder vielleicht «residiert» – während seines Aufenthalts in Ittingen jeweils der ungarische Pianist András Schiff. Der andere künstlerische Leiter, der Schweizer Oboist, Dirigent und Komponist Heinz Holliger, wohnt ebenfalls hinter den Klostermauern, doch in modernen Räumlichkeiten. 

Alt und Neu im Dialog

Er wäre verlockend (aber falsch), aus diesen Wohnverhältnissen abzuleiten, wer für welche Elemente der Pfingstkonzerte zuständig ist: Schiff für das Alte, Holliger für das Neue. Denn Alt und Neu treten sich wie bei keinem andern Festival so direkt gegenüber wie in Ittingen: Bach und seine Auswirkungen auf die Musik des 20. Jahrhunderts, Schumann und die «Romantiker» der Gegenwart. Doch ist dieses Gegenüber nie ein blosser Kontrast.

Dank einem Festival-Motto treten die beiden Welten Alt und Neu, Bekannt und Unbekannt in einen Dialog miteinander. Spöttische Zungen formulieren jedoch eine andere Zuständigkeit: Holliger sei verantwortlich für die Überlänge der Ittinger Konzerte, der sensibel-reizbare Schiff jedoch für das absolute Hustenverbot. Tatsächlich gab es in Ittingen auch schon eine vom Pianisten verordnete «Hustenpause» …

Pfingstkonzerte als Exerzitien

Innenaufnahme des Altarraums der Kirche der Kartause.

Bildlegende: Die Pfingstkonzerte in der Kartause sind seit fast 20 Jahren Wallfahrtsort für Fans. Keystone

So haben die Ittinger Pfingstkonzerte durchaus etwas von musikalischen «Exerzitien» an sich. Es wird einerseits etwas geboten: hohe musikalische Qualität und aussergewöhnliche musikalische Vielfalt. Dies dank einem Ittinger «Ensemble», dessen hochkarätige MusikerInnen in immer wieder neuen Kombinationen auftreten – und neben ihnen ausserdem Stargäste. Andererseits wird vom Publikum etwas verlangt: eine auch gedankliche Konzentration, die es nicht erlaubt, den Kopf an der Kasse abzugeben. Ittingen ist ebenso anregend wie anstrengend – und davon schwärmen die Ittingen-Fans begeistert

Hoch emotionale Situationen gibt es auch immer wieder. 2011 fehlt die distinguierte alte Dame, die bisher immer neben Schiff im Publikum sass, wenn er nicht spielte. Bei seinem ersten Rezital wendet sich der Pianist ans Publikum: Seine Mutter Klara sei vor einigen Monaten verstorben. Der Komponist György Kurtág habe für sie ein Klavierstück «in memoriam» geschrieben, das er jetzt spielen werde …   

Adieu

«Les Adieux» heisst ein anderes Klavierstück von Kurtág, das dieses Jahr neben Beethovens Klaviersonate «Les Adieux» auf dem Programm steht. Denn nach 19 gemeinsamen Jahren findet die künstlerische Co-Leitung Holliger/Schiff mit dem Festival 2013 nun ein Ende. Die Gründe dafür sind unbekannt. Bereits bekannt ist jedoch, dass Heinz Holliger mit einer neuen Co-Leitung das Festival in den nächsten Jahren weiterführen wird – anstrengend und anregend, und hoffentlich mit Hustenverbot.

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