Applaus - Wollen oder müssen wir?

Der Applaus gehört zum Konzert wie das Amen zur Kirche. Doch weshalb applaudieren wir? Weil «es» sich so gehört und wir fast müssen - psychisch dazu verdammt? Oder schlichtweg, weil wir Hände haben und bereits als Urmensch gerne Lärm gemacht haben? Dem Applaus auf der Spur.

Menschen, die applaudieren

Bildlegende: Klatschen stiftet Gemeinschaft: Eröffnungskonzert zum 600jährigen Bestehen der Universität Leipzig. Tom Schulze

Stellen Sie sich vor, Sie sind im Konzert. Auf dem Podium eine schöne Leistung, die Pianistin, der Geiger geben ihr Bestes. Schlussakkord und – Stille. Irritiert blinzeln die Künstler ins Publikum, eben wollten sie schon mit den Verbeugungen anfangen.

Aber die Zuschauer sitzen wie Steine in den Reihen, verlegenes Hüsteln hier und dort vielleicht, aber kein Mensch klatscht. Dann erheben sie sich, verlassen raschelnd und stumm den Saal und lassen traumatisierte Künstler zurück.

Applausverbot bei Schönberg

Portrait Mann

Bildlegende: In Arnold Schönbergs «Verein für musikalische Privataufführungen» herrschte striktes Applausverbot. Arnold Schönberg Center, Wien

Arnold Schönberg hätte das zwar gefallen. In seinem «Verein für musikalische Privataufführungen» herrschte striktes Applausverbot, um die Musik nicht zu stören. Aber das blieb eine einsame Ausnahme.

Applaus ist gesellschaftlicher Konsens und er ist wichtig, weil – ja warum eigentlich? Weil wir physisch dazu in der Lage sind? Wir können aufrecht gehen und die ehemaligen Vorderfüsse für andere Dinge nutzen als zum Laufen. Zum Beispiel, um damit Lärm zu machen. Und um auf uns aufmerksam zu machen.

Ritualisierung des Klatschens

Damit waren wir erfolgreich und haben das Klatschen schon bald ritualisiert, um Gefallen oder Missfallen auszudrücken. Die antiken Römer haben es getan, als sie erst mit den Zipfeln der Toga wedelten, bei etwas stärkerem Wohlgefallen mit den Fingern schnippten oder bei totaler Begeisterung schliesslich in die hohlen Hände klatschten.

Die Fürsten und Könige haben es getan, als sie leicht die Finger gegeneinander tupften und der ganze Hofstaat gebannt darauf starrte, um es sofort nachzumachen. Und wir tun es heute auch.

Gemeinsames Klatschen verbindet

Mann, der klatscht

Bildlegende: Startenor Luciano Pavarotti erhielt1988 mit 67 Minuten den längsten Applaus der Oper-Geschichte. Keystone

Weil wir psychisch dazu verdammt sind? Schliesslich haben wir Spiegelneuronen in unserem Gehirn. Die sorgen nicht nur dafür, dass wir miträuspern oder mitgähnen müssen, wenn es uns jemand vormacht. Sie sorgen auch dafür, dass wir – zugegeben auf ziemlich rudimentäre Art – das verdoppeln und nachmachen, was uns geboten wird.

Also entweder durch freundliches Klatschen, frenetischen Jubel oder heftige Ablehnung. Oder durch eisiges Schweigen.

Längster Applaus: 67 Minuten

Die Reaktionen stiften in einem solchen Fall nicht nur Gemeinschaft unter uns Klatschenden - ein Applaus kann schon mal eine starke Eigendynamik entwickeln und sich aufschaukeln - sondern wirken selbst wieder zurück auf den, dem sie gelten. Dem Künstler auf der Bühne.

Dieser wird sich fragen, was nicht so gut war an seiner Darbietung, wenn er auf eine Mauer des Schweigens stösst. Übrigens: Den längsten Applaus der Opern-Geschichte solle es 1988 in Berlin gegeben haben: Nach einer Aufführung der Oper L‘elisir d’amore von Gaetano Donizetti klatschten die Leute dem italienischen Startenor Luciano Pavarotti 67 Minuten lang Beifall.