Komponist im Porträt Aus weiter Ferne, so nah: Die Musik des Martin Jaggi

Hier wird Reiselust hörbar: Der Basler Komponist Martin Jaggi verarbeitet Klänge aus anderen Kulturen – auch in seinem neuen Werk.

Portrait eines Mannes mit Brille in schwarzweiss.

Bildlegende: Martin Jaggi lässt sich von alten Instrumenten und ihm fremden Kulturen inspirieren. zvg

Das Wichtigste in Kürze

  • Martin Jaggi findet auf seinen ausgedehnten Reisen Stoff und Inspiration für seine zeitgenössischen Kompositionen.
  • Der Basler Komponist und Weltenbummler verarbeitet in seinen Stücken die Klänge alter Instrumente – etwa der kasachischen Kobys.
  • Sein neuer Zyklus «Kôrd» vereinigt disparates Klangmaterial und Anleihen aus der Wissenschaft.

Auseinandersetzung mit der Fremde

Schon als Kind kam Martin Jaggi in Berührung mit Archäologie. Sein Vater interessierte sich für Ägyptologie und nahm ihn des Öfteren mit. Bald erfasste ihn selbst das Reisefieber. Er begann, so viel wie möglich in aller Welt herumzureisen – vorerst besonders in Afrika.

Die Reiselust, das Interesse an anderen Kulturen und auch ein gewisser Forscherdrang zeigen sich in vielen Werken von Martin Jaggi. Etwa in seinem «Sahara-Zyklus» für Instrumental-Ensemble, mit welchem er am europäischen Musikmonat 2001 in Basel internationales Aufsehen erregte.

Auch das gross besetzte Orchesterstück «Moloch» (2008) über die aus allen Nähten platzende Stadt Lagos in Nigeria, setzt sich mit der Fremde auseinander.

Ebenso wie der gross angelegte Orchesterzyklus über den Ursprung verschiedener Zivilisationen dieser Welt: Im darin enthaltenen «Caral» (2016) bezieht er sich auf eine uralte Kultur in den peruanischen Anden, in Mehrgarh (2013) auf eine noch ältere Indus-Kultur. Der ganze Zyklus soll nächstes Jahr mit einem letzten Stück über Mesoamerika vollendet werden.

Das älteste Streichinstrument der Welt

Über diesen Ursprungs-Gedanken gelangte Jaggi zur Frage, was wohl der Ursprung der modernen Streichinstrumente sei. Er recherchierte und stiess auf die kasachische Kobys als das wohl älteste gestrichene Saiteninstrument der Welt – es stammt aus dem 8. Jahrhundert nach Christus.

Martin Jaggi bezieht sich im ersten Stück seines neuen Zyklus‘, in «Kôrd I», auf einige Charakteristika der Kobys. Er setzt etwa Bordun-Klänge als Begleitung der Melodie ein, verwendet mikrotonal gefärbte Tonleitern sowie das Spiel mit Obertönen und changierenden Klangfarben.

Spannungsgeladene Musiksprache

Ausserdem lässt sich die eher tiefe Ton-Lage der Kobys ausgezeichnet auf die Bratsche übertragen. Jaggi integriert diese Elemente in seine eigene, meist äusserst spannungsgeladene Musiksprache.

Eines von Martin Jaggis Lieblingsinstrumenten stand für «Kôrd II» Pate: Schon als 20-Jähriger interessierte er sich für äthiopische Musik und entdeckte dabei das Streichinstrument Masenqo, mit welchem sich äthiopische Balladensänger selbst begleiten. Deren reiche Verzierungskunst spiegelt Jaggi in seinem Stück in allen Instrumenten, im Part der Viola, des Violoncellos und des Klaviers.

Reich an Klangfarben

Dem ebenfalls mikrotonal gefärbten Tonmaterial der Streicher nähert Jaggi auch die Klavierklänge an. Die Pianistin muss einige Saiten mit Gummikeilen präparieren und neben dem Spiel auf den Tasten stellenweise auch die Saiten innerhalb des Flügels zupfen. Jaggi stellt dem Tasteninstrument damit auch eine breitere Palette an Klangfarben und Tönen zur Verfügung.

Schmerzensreiche Sarangi

Die nordindische Sarangi schliesslich inspirierte Jaggi zu «Kôrd III». Traditionell werden die Tonhöhen auf diesem Instrument mit dem Nagelbett eines Fingers der linken Hand produziert; der Finger wird also zwischen Saite und Griffbrett gelegt und von unten gegen die Saite gedrückt.

Zu einer solch schmerzhaften Spielweise nötigt Martin Jaggi die Interpretin nicht, doch das daraus resultierende Rutschen von Ton zu Ton erklingt in seinem Stück trotzdem.

Lexikon als Inspirationsquelle

Der Klang der Resonanz-Saiten der Sarangi kommt bei Jaggi aus dem Klavier: Er lässt E-Bows auf die Saiten legen, welche einen ganz aussergewöhnlichen, eher technisch kühlen, oder in Jaggis Worten, einen «magischen Klang» erzeugen.

Die treibenden Rhythmen der schnellen Teile sind Sprachrhythmen, abgeleitet von wissenschaftlichen Lexikoneinträgen über die Sarangi.

«Kôrd» vereinig also Multikulturalität, disparates, spannungsvoll zusammengezwungenes Klangmaterial und Anleihen aus der Wissenschaft – drei typische Merkmale in der Musik von Martin Jaggi.

Sendung: SRF 2 Kultur, Musik unserer Zeit, 21.6.2017, 20:00 Uhr.

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