Bach für alle: 10 Irrtümer über klassische Musik

Warum erreicht die Klassik nur einen winzigen Teil der Bevölkerung? Der Pianist James Rhodes macht seine Musik auch für jene, die ein Klavierkonzert «so verlockend wie eine Wurzelbehandlung» finden. In seinem Buch «Der Klang der Wut» räumt er mit Irrtümern auf – 10 davon haben wir hier aufgeführt.

Dunkler, leerer Saal mit einem Flügel und einer Orgel.

Bildlegende: Klassische Musik ist nicht tot. Laut James Rhodes kann sie sogar Leben retten. Keystone

1. Klassische Musik ist nur für Privilegierte

Das Geniessen klassischer Musik ist nicht das Privileg einer hauchdünnen Schicht von Auserwählten, die sich für reich und intelligent genug halten, sie zu verstehen.

2. Man muss sich auskennen

Um sich auf Bach und Mozart einzulassen, muss man nicht wissen, welche Gabel man zum Fischgang benutzt. Und auch nicht, was der Unterschied zwischen einer Köchelverzeichnis- und einer Opus-Nummer ist.

3. Die Komponisten spinnen doch alle

Die grossen Komponisten waren keine Wahnsinnigen, sondern Menschen wie du und ich. Mit der Ausnahme Schumanns gibt es keinen grossen Komponisten, bei dem eine ernsthafte psychische Krankheit diagnostiziert worden wäre.

4. Die Konzert-Etiquette ist heilig

Nirgendwo ist festgelegt, dass Konzerte mit sogenannter «klassischer Musik» einem strengen und geheiligten Format folgen müssen. Das Publikum muss mucksmäuschenstill dasitzen und darf zwischen den Sätzen ja nicht klatschen? Beethoven hätte diese Vorstellung zum Wiehern gebracht.

5. Konzerte sind für Kenner

Das Publikum möchte während eines Konzerts nicht unbedingt lange Aufsätze von Musikwissenschaftlern lesen. Es wäre auch interessiert zu erfahren, dass Bach in den Knast kam, weil er besoffen war und auf der Orgelempore Sex mit einem Mädchen hatte.

6. Kein Publikumskontakt

Dem Musiker ist es nicht bei Strafe verboten, mit den Publikum Kontakt aufzunehmen. Auch wenn es ein extrem seltenes Ereignis ist, das normalerweise vom Plattenlabel in Form einer Signierstunde erzwungen wird.

7. Junge Menschen passen nicht an klassische Konzerte

Neue, jüngere Besucher anzuziehen, entwertet die Welt der Klassik nicht. Auch wenn das manche Leiter von Musikhallen und Konzertagenturen meinen. Es ist auch kein Problem, in Jeans im Konzertsaal aufzukreuzen oder an den falschen Stellen zu klatschen.

8. Man muss kerzengerade auf dem Stuhl sitzen

Es ist nicht verboten, mit alter Musik neue Dinge zu versuchen. Man darf den Arm um seine Begleitung legen. Selbst das Einschlafen während des Konzerts ist erlaubt.

9. Klassische Musik muss aufgepeppt werden

«Crossover» – eine Gruppe von «heissen jungen Dingern» herauszuputzen und sie eine Kombination von kurzen berühmten Passagen aus längeren Werken und «Phantom der Oper» spielen zu lassen – ist keine Lösung für die Misere der Klassik-Industrie.

10. Die Welt braucht keine klassische Musik

Es ist unverzichtbar, ab und zu ein klassisches Konzert zu hören. Wo sonst können wir heutzutage eine Stunde lang hingehen, ohne von Tweets und Emails bombardiert zu werden?

James Rhodes

Mann steht am Strand und schaut über seinen Brillenrand direkt in die Kamera.

Dave Brown

Die Musik habe sein Leben gerettet, sagt der Londoner Pianist. Deshalb setzt er
sich für die Vermittlung klassischer Musik ein. Wobei er das Wort «klassisch» eigentlich hasst. In seiner erstaunlich ehrlichen Biografie erzählt er, dass er als Kind jahrelang sexuell missbraucht wurde. Durch die Musik von Bach und Rachmaninoff fand er zurück ins Leben.

Buchhinweis

James Rhodes: «Der Klang der Wut. Wie die Musik mich am Leben hielt». Nagel & Kimche, 2016.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • James Rhodes – Wenn Musik vor dem Tod rettet

    Aus Kulturplatz vom 27.1.2016

    Er hat die Aura eines Rockstars und begeistert sein Publikum mit Bach, Beethoven und Rachmaninow. Der englische Pianist James Rhodes weiss neue Zuhörer für die Klassik zu gewinnen – weil sie für ihn alles bedeutet. In seiner Biografie «Der Klang der Wut» erzählt Rhodes, wie er als Kind immer wieder vergewaltigt wurde. Sein Leben führte ihn über Jahrzehnte an die Schmerzgrenze mit Drogen, Selbstverletzung und Suizidversuchen. Erst der Entschluss, sich ganz der Musik zu widmen, führte ihn - diesen so leidenschaftlichen wie wütenden Künstler - zurück ins Leben.

    Markus Tischer

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