Beethoven wird multimedial: Seine Neunte gibt es nun auch als App

Fünf Jahre nach den ersten Lancierungen von den sogenannten Apps gibt es heute über eine Million Applikationen für das Smartphone und iPad. Nach langer Vernachlässigung beginnt nun auch der Klassik-Bereich zu blühen.

 Ludwig van Beethoven.

Bildlegende: Die 9. Sinfonie von Beethoven (hier gemalt von Karl Joseph Stieler, 1820) gehört zu den bekanntesten Klassikwerken. Fraunhofer Archiv

«Klassik für Babies» in rosa und hellblau, «Meisterwerke der Klassik» in teilweise katastrophaler Qualität oder Radio-Apps mit klassischer Musik – bis vor kurzem war das die ernüchternde Bilanz der Klassik-Apps. Letzten Dezember kam endlich die erste kluge Applikation auf den Markt: «Das Orchester».

Der finnische Dirigent Esa-Pekka Salonen dirigiert das Philharmonia Orchestra durch verschiedene Ausschnitte von grossen Orchesterwerken: Berlioz‘ «Symphonie fantastique», Strawinskys «Feuervogel» oder Mahlers 6. Symphonie. Die App stellt die Instrumente vor, lässt die Partituren synchron zur Musik mitlaufen, stellt Video- und Audiospuren zur Verfügung.

Erhellender Direktvergleich

Jetzt holt der Apphersteller «Touch Press» zum zweiten Schlag aus: «Beethoven‘s 9th Symphony» heisst sein neuester Streich. Das Ziel: Beethovens letzte vollendete Symphonie aufzuschlüsseln – analytisch, musikwissenschaftlich, aber auch rein gefühlstechnisch.

Der Kern der App: Vier Interpretationen von vier Dirigenten. Die Deutsche Grammophon stellt der App ihre legendären Aufnahmen zur Verfügung: Herbert von Karajan von 1962, Leonard Bernstein von 1979, Ferenc Fricsay von 1958 und John Eliot Gardiner von 1992.

Der Clou der App: Der User kann nahtlos zwischen den jeweiligen Interpretationen hin- und herspringen, ohne dass die Musik unterbrochen wird. Auch vor und zurück, um die Interpretationen direkt miteinander zu vergleichen. Und der Direktvergleich ist markant – da soll noch einer sagen, in der Klassik gäbe es keine Interpretationsfreiheiten.

Einblicke in Obsessionen und visuelle Hörhilfen

Synchron zur Musik läuft die Partitur, Ton für Ton, damit man keine Note verpasst. Der Nostalgiker kann auch die originale Handschrift von 1825 mitlesen. Für Nicht-Notenleser ist die BeatMap der richtige Ort. Hier ist jedes Instrument mit einem Punkt dargestellt. Wenn die Celli spielen, flackern die Cellopunkte rhythmisch auf. Und plötzlich hört das Ohr schärfer, unterscheidet, vergleicht.

Neben diesen vier Interpretationen gibt es noch die Abteilung «Insights»: Einblicke mit verschiedenen Interviews von Interpreten, Musikjournalistinnen oder Dirigenten. Leonard Bernstein etwa erklärt das Weltgeschehen ausgehend von der Symphonie, die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott spricht über die japanische Rezeption der Neunten, Musikjournalistinnen berichten über Beethovens Obsessionen. Eine weitere Abteilung, «The Story», enthält eine Beethoven-Biografie, zeigt seine letzte Symphonie im Kontext ihrer Zeit und bietet Hörhilfen.

Licht und Schatten

Die Beethoven-App ist Buch, CD und TV zugleich. Trotz aller Freude über diese gelungene App gibt es einige Negativpunkte zu nennen: Neue Interpretationen sind nicht mit von der Partie. Und teilweise triefen die musikanalytischen Beschreibungen vor Pathos.

Schade auch, dass es das Programm bisher nur auf Englisch gibt. Aber die digitale Welt ist eine geschwinde Welt. Hoffen wir also, dass es bald eine deutsche Version gibt – und eine Ausgabe von Schuberts letztem Streichquartett, Mozarts «Don Giovanni», Haydns «Londoner Sinfonien», Brahms «Ungarischen Tänzen», Tschaikowskys Violinkonzert und und und. An Material fehlt es jedenfalls nicht.

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