Klassik für Teenager Bei diesem Klassik-Konzert halten Teenager den Atem an

Um Teenager zu begeistern, müssen Konzertrituale erneuert werden. Die Luzerner Produktion «Divamania» zeigt, wie.

Vier Musiker von «Divamania» mit ihren Instrumenten.

Bildlegende: Eine ausgefeilte Performance: «Divamania». Lucerne Festival/Peter Fischli

  • «Divamania» ist ein Klassik-Spektakel, das sich an Teenager richtet.
  • Die Jugendlichen sollen eine starke, ästhetische Erfahrung machen, die bei ihnen anders in Erinnerung bleibt als eine normale Schulstunde.
  • Bei den Jugendlichen kommt das Thema an: die Sehnsucht nach Anerkennung in der digitalen und in der realen Welt.

Ein junger Musiker steht auf der Bühne, verschwitzt, verzweifelt. Er hält seine Geige in beiden Händen, hoch über dem Kopf. Er schreit – und holt aus. Gleich wirft er die Geige zu Boden, gleich zerspringt sie in tausend Teile, gleich ist der Mord an der Geige vollbracht – oder vielmehr der künstlerische Selbstmord des Musikers?

So weit kommt es nicht. Zwei Kollegen retten seine Geige – und ihn, den Musiker. Schnaufend und erschöpft sinken sie zu Boden. All die virtuosen Solo-Stücke, die sie bis jetzt auf der Bühne aufgeführt haben, jeder schneller, höher, weiter als der andere, all die Scheinwerferlichter, in denen sie sich gesuhlt haben, all die Klicks und Likes, die sie damit gesammelt haben wie Trophäen ihrer digitalen Existenz – all das liegt wie ein Aschehaufen hinter ihnen.

Mitglieder von Divamania, zuvorderst junge Frau mit Megafon.

Bildlegende: Das Klassik-Spektakel kommt bei Teenagern an. Lucerne Festival/Peter Fischli

Immer höher, schneller, weiter

Die Zuschauerinnen und Zuschauer halten den Atem an. Es sind fast alles Jugendliche, die bei dieser Aufführung von «Divamania» beim Lucerne Festival im Herbst 2016 dabei sind. Das Durchschnittsalter liegt bei 15 Jahren – sie sind die Zielgruppe dieser Produktion.

Und sie kennen dieses Treiben, das die Musikerinnen und Musiker hier vorgeführt haben, genau: immer schneller, höher, weiter als die anderen zu sein, Klicks und Likes zu sammeln wie Trophäen, die Grenzen zwischen realer und digitaler Existenz verschwinden, machen schwindelig, und manchmal ebenso verzweifelt wie diesen Musiker da auf der Bühne.

Die Bühne, die eben noch ein kalt glänzender Laufsteg für perfekte, stylisch gekleidete Körper war, diese Bühne ist nun grau und nebelig. Aber die Menschen darauf, die rücken zusammen. Und beginnen zum ersten Mal, nicht gegeneinander anzutreten, sich nicht die schnellsten, virtuosesten Solostücke um die Ohren zu hauen, sondern etwas gemeinsam zu tun: Sie musizieren, im Ensemble. Und finden so zu einer ganz anderen Musik – und zu einem neuen Lebensgefühl.

Die Sehnsucht nach Anerkennung

Man spürt kaum, dass die Musikperformance «Divamania» ein Projekt von Musikvermittlung ist. Denn es gibt weder die sonst so üblichen Moderationen, die das Geschehen auf der Bühne mit Worten zu erklären versuchen, noch gibt es Notenständer und Konzertfrack, die die Grenze zwischen Akteuren und Publikum verstärken.

«Divamania» wirkt unmittelbar: durch seine jungen Darsteller, die Musiker, Schauspieler und Identifikationsfiguren sind – und aus den Reihen der Lucerne Festival Academy stammen. Und durch die Musik, die sich analog zu den gezeigten Emotionen entwickelt – und dennoch durch die Arrangements die Originale von Johann Sebastian Bach, Maurice Ravel und anderen durchscheinen lässt.

Bei den Jugendlichen kommt das an. Denn das Thema ist aus dem Leben der Jugendlichen gegriffen: die Sehnsucht nach Anerkennung, in der digitalen und in der realen Welt. Das Projekt richtet sich an eine klar umgrenzte Altersgruppe, und so sind die Jugendlichen auch im Zuschauerraum unter ihresgleichen. Und das, was sie auf der Bühne sehen, ist eine ausgefeilte Performance.

Die Musikerinnen und Musiker spielen alle Musiken auswendig. So fallen die von vielen Jugendlichen als steif empfundenen Konzertrituale weg. Doch der live-Effekt bleibt erhalten: Hier sehen die Jugendlichen direkt, wie die Musik physisch erzeugt wird.

Eine starke, ästhetische Erfahrung

Johannes Fuchs, Leiter von Lucerne Festival Young, erklärt die Idee zu «Divamania»: «Konzerte sind ästhetisch oft nicht besonders anregend.

Deshalb inszenieren wir unsere Education-Projekte: Damit die Jugendlichen eine starke, ästhetische Erfahrung machen, die bei ihnen anders in Erinnerung bleibt als eine normale Schulstunde.»

Selbst der partizipative Aspekt, der sonst bei der Musikvermittlung für Jugendliche gern verstärkt wird (und so die klassische Musik durch selber spielen, selber arrangieren, selber inszenieren erfahrbar machen will), ist bei Divamania gegeben: Den Kampf um Anerkennung, den die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne austragen, den befeuert das Publikum durch seinen Szenenapplaus. Und wird so selbst zum Akteur.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 03.03.2017, 09:02 Uhr

Klassik neu erfunden

Konzerthinweis

Die Young Performance-Produktion «Divamania» (Trailer) des Lucerne Festivals geht 2017 auf Tour:

  • 11.3. Teatro Dimitri, Verscio
  • 12.2. Theater Casino Zug
  • 18.3. Philharmonie Luxembourg
  • 19.3. Theater Chur
  • 24.3. Theater am Stram Gram Genf
  • 25.3. Stadttheater Solothurn
  • 26.3. Theater Rigiblick Zürich

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