Beruf: Sideman Erste Sahne in der zweiten Reihe

Sie begleiten Stars, stehen aber nie im Mittelpunkt. Und doch sind Sidemen und Sidewomen nicht einfach Musiker, die selber nicht den Durchbruch geschafft haben.

Der britische Popstar Sting auf der Bühne, im Hintergrund sein Gitarrist.

Bildlegende: Strahlt immer eine starke Präsenz aus – bleibt aber brav im Hintergrund. Stings Gitarrist Dominic Miller. Keystone

Zum Beispiel Sting: Wenn man sich verschiedene Konzertmitschnitte des britischen Popstars ansieht, wird man im Hintergrund immer wieder den gleichen Gitarristen entdecken: Dominic Miller.

Der renommierte Sideman und Studiomusiker ist bereits seit den 1990er-Jahren an Stings Seite. Zudem hat er aber auch viele andere grosse Stars begleitet: Tina Turner, Phil Collins, Andrea Bocelli.

Miller ist kein Gitarrist, der mit epischen Gitarrensoli begeistert – im Gegenteil. Er bietet in erster Linie dem Leader eine musikalische Plattform, strahlt aber immer auch eine starke Präsenz aus, wie in dieser Duo-Version von «Shape Of My Heart».

Dieselbe Qualität bringen auch renommierte Sidewomen wie die Bassistin Gail Ann Dorsey und die Schlagzeugerin Cindy Blackman, die unter anderem beide mit Rockstar Lenny Kravitz zu hören waren.

Blick in die Schweiz

Es gibt in der Schweiz einige eingeschworene Pop- und Rockbands, die als Kollektiv funktionieren und deren Besetzung seit Jahren die gleiche ist. Züri West ist so ein Fall, Patent Ochsner ebenso.

Heutzutage gibt es aber immer mehr Einzelinterpreten, die Sidemen engagieren. Daher ist in der Schweiz die Dichte an Freelance-Musikern verhältnismässig gross.

Die Schweizer Rapperin Steff la Cheffe in Aktion.

Bildlegende: Hat es gerade noch so ins Bild geschafft: Sideman Adriano Regazzin (ganz rechts im Bild) – hier mit Steff la Cheffe. Keystone

Der Keyboarder Adriano Regazzin ist so ein typischer Schweizer Sideman. Er hat ein Jazzstudium absolviert und war in der Vergangenheit mit Singersongwriter William White, Rapperin und Beatboxerin Steff la Cheffe oder auch Alphornspielerin Eliana Burki zu hören.

Mit ihnen spielte Adriano Regazzin in Spitzenjahren bis zu 80 Konzerte im In- und Ausland.

Bitte pünktlich!

Gemäss Adriano Regazzin ist das Allerwichtigste, dass ein Sideman oder eine Sidewoman zuverlässig und pünktlich ist. Das wird von Arbeitnehmern ja grundsätzlich verlangt, ist aber in Pop-, Rock- und Jazzmusikerkreisen nicht immer selbstverständlich.

Zudem muss man sein Instrument im Schlaf beherrschen, über ein solides Musikerhandwerk und ein schnelles Auffassungsvermögen verfügen. Aber man darf sich mit seinem Können nicht in den Vordergrund stellen wollen – Musikgenies sind darum als Sidemen eher weniger gefragt.

Ein dritter Punkt ist die Umgänglichkeit. Vor allem wenn man mit der Band während mehreren Tagen auf Tournee ist und es auch mal an die körperliche Substanz geht, muss man seinen persönlichen Frust auf der Seite lassen und ein guter Teamplayer bleiben.

Komfort und Selbstverwirklichung

Ein erfolgreiches Sideman-Dasein hat seine Vorzüge: Man fühlt sich privilegiert, braucht nicht die Gesamtverantwortung zu tragen. Das Organisieren hält sich in Grenzen. Und man kann – wenn man sich in der Szene einen guten Namen gemacht hat – teilweise davon leben.

Dafür ist man aber nie der «Star» und wenn man mal an eigenen Projekten arbeiten will, fehlt oft die Zeit und die Energie. So erging es auch Adriano Regazzin.

Deshalb verzichtete er im vergangenen Jahr bewusst auf viele Freelance-Angebote und gönnte sich einen zweimonatigen Rom-Aufenthalt, um etwas Eigenes zu kreieren.

Herausgekommen ist seine Solo Piano CD «Pingneto», die unter dem Pseudonym «Montefalcone» erscheint.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Vorabend, 5.10.2017, 17:00 Uhr