Das berühmteste Liebespaar der US-Musikgeschichte wird 80

1935 feierte «Porgy and Bess» am Broadway Premiere. Sind die beiden Figuren mit Romeo und Julia zu vergleichen? Ist das Stück nicht mehr Musical als Oper? Und wie viel Rassismus steckt darin? Wir räumen mit den fünf populärsten Irrtümern rund um die US-amerikanische Liebesgeschichte auf.

Singendes Liebespaar in Opernszene.

Bildlegende: Er liebt sie. Und sie ihn. Manchmal. «Porgy and Bess» – das sind emotionale Musikstücke, die bis heute beliebt sind. Keystone

Heute vor 80 Jahren wurde das Schwarzenviertel Catfish Row in Charleston erstmals auf der Bühne zum Leben erweckt – und damit auch der gehbehinderte Porgy, der rettungslos verliebt ist in Bess. Und sie, die nicht richtig zu fassen ist, im Drogensumpf versinkt – und dennoch bedingungslos die Herzensdame Porgys bleibt.

Die Oper «Porgy and Bess» in drei Akten stammt von Komponist und Dirigent George Gershwin (1898–1937). Ihre Uraufführung 1935 war nur mässig erfolgreich. Dennoch hat sich «Porgy and Bess» seither zum wichtigsten Werk von George Gershwin gemausert, bekannter noch als seine «Rhapsody in Blue». Die Musikstücke sind bis heute lebendig, von Louis Armstrong über Miles Davis bis zu Ray Charles haben Musikgrössen ihre Stimmen der Liebesgeschichte verliehen.

Trotz seiner Berühmtheit rankt sich das eine oder andere Missverständnis um das Stück. Wir räumen mit den fünf populärsten Irrtümern auf.

    • Romeo und Julia bei Sterbeszene.

      Bildlegende: Romeo und Julia in Chur. Keystone

      «Porgy and Bess» ist wie Romeo und Julia

      Romeo und Julia lieben sich innig und werden im Tode vereint. Traurig und schön zugleich. Porgy und Bess sterben nicht, bekommen sich aber auch nicht. Sie sind ein höchst asymmetrisches Liebespaar. Der gehbehinderte Bess liebt Porgy, aufopfernd und innig (und singt das mit «I Loves You Porgy» in einem der schönsten Liebeslieder der Musikgeschichte) – aber liebt Bess auch Porgy? Manchmal schon. Sie gibt aber auch dem Druck des sehr physischen Hafenarbeiters nach. Und läuft am Schluss mit dem Dealer davon.

    • Szene aus Porgy and Bess.

      Bildlegende: Porgy and Bess am Princeton Festival. Flickr/ Princeton Festival

      «Porgy and Bess» ist ein Musical

      Die Anleihen aus dem Jazz, die Songs, die bald schon ein Eigenleben führen: Vieles rückt Porgy and Bess nahe an ein Musical heran. Komponist Gershwin selber aber hat «Porgy and Bess» immer «Folk Opera» genannt: Wohl hat er sich von Spirituals, vom Blues und anderen Formen des frühen Jazz inspirieren lassen, hat das Ganze aber mit der klassischen und der jüdischen Musik-Tradition vermengt und durchkomponiert gestaltet. Die vielen Techniken aus der klassischen Musik, die Leitmotive, Reprisen und die Art des Gesangs machen aus «Porgy and Bess» eine Oper.

    • George Gershwin

      Bildlegende: George Gershwin Keystone

      «Porgy and Bess» ist rassistisch

      Ein Weisser erzählt die Geschichte einer schwarzen Community. Es geht um Drogen, ein loses Mädchen und Probleme, die mit den Fäusten geregelt werden. Ein No-Go, das fanden vor allem die Vertreter des Civil Rights Movements. Andere sahen das Stück als Zeitdokument, als Fenster in den amerikanischen Süden um 1930. Und George Gershwin selber (Bild)? Er verfügte von Anfang an, dass nur schwarze Sänger die Oper singen dürfen. Er sah also in keiner Art und Weise auf die Black Community herab, sondern trug dazu bei, dass viele schwarze Sängerinnen und Sänger mit «Porgy and Bess» ihre Karriere lancieren konnten.

    • Billie Holiday singt I Love You Porgy

      «Porgy and Bess» ist «Summertime» ist «Porgy and Bess»

      «Summertime» ist das berühmteste Stück aus «Porgy and Bess». Aber «Summertime» ist gleichzeitig nur einer von vielen Hits aus der Oper, die bis heute ein Eigenleben führen. «It Ain’t Necessarily So» etwa, der zynische Blick auf die Bibel. Oder die umwerfende Ballade «I Loves You Porgy» mit dem genial einfachen Anfang (die ersten fünf Töne sind schlicht ein aufwärts gespielter Dur-Vierklang mit einer grossen Septime und einer None – die reine Liebe). Porgy and Bess ist als ganzes Stück berühmt, die vielen Hits aber machen die Folk Oper erst zu einem Teil der US-amerikanischen Musik-DNA.

      «Summertime», gesungen von Ella Fitzgerald

    • Schild von Porgy and Bess an Theatereingang.

      Bildlegende: Porgy and Bess am Richard Rodgers Theatre auf dem Broadway. Flickr/Broadway Tour

      «Porgy and Bess» war von Anfang an ein Verkaufsschlager

      «Porgy and Bess» gehört heute zu den berühmtesten Werken der amerikanischen Musik. Der Weg auf diesen Gipfel aber war steinig. Schon 1926 wollte Gershwin aus dem Roman «Porgy» von DuBose Heyward etwas machen, erst ab 1933 schreibt er zusammen mit seinem Bruder und Heyward an «Porgy and Bess». Die erste Broadway-Aufführung 1935 ist mässig erfolgreich. Die zweite Auflage ab 1942 läuft besser. Die europäische Uraufführung in Kopenhagen aber wird nach wenigen Vorführungen von den Nazis abgesetzt. So richtig berühmt wird «Porgy and Bess» erst durch die Welttournee in den 50er-Jahren mit einem Star in einer Hauptrolle: Cab Calloway.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 08.10.2015, 16:05 Uhr