Das Mekka der Neuen Musik im Schwarzwald

20 Uraufführungen, ein geballtes Programm in drei Tagen: Die Musiktage verwandeln das beschauliche Schwarzwälder Städtchen Donaueschingen jeden Herbst ins Mekka der Neuen Musik. Das Motto dieses Jahr, eine schlichte Konjunktion: «und».

Eine Maschine, die aus silberfarbenen Röhren besteht, bläst weisse Latexhandschuhe auf.

Bildlegende: Die Musiktage Donaueschingen sind bekannt für musikalische Experimente: Klanginstallation von Ondřej Adámek. SWR

Touristisch ist nicht zu verachten, wie viel Geld jedes Jahr Tausende von Komponisten, Musikerinnen, Musik- und Kunstliebhaberinnen aller Couleur, Studenten, Freaks und Intellektuellen in die Stadt tragen. Von überall her kommen sie nach Donaueschingen, in die Kleinstadt im Schwarzwald: Aus Deutschland, Frankreich, der nahen Schweiz, aus ganz Europa und sogar aus Amerika und Südafrika.

Die «Crème de la Crème» der Neuen Musik

Ein auch altersmässig sehr gemischtes Publikum ist das, weil sich auch die Donaueschinger Musiktage (wie alle anderen Festivals) um Nachhaltigkeit bemühen. Die Organisatoren des Festivals veranstalten Schülerworkshops, ermöglichen Probenbesuche und bieten Studentenensembles hier ihre ersten grossen Auftritte.

Damit aber kein falscher Eindruck entsteht: Eine Studentenveranstaltung ist das nicht, denn auch die «Crème de la Crème» der Ensembles für zeitgenössische Musik versammelt sich im Schwarzwald. So etwa das Klangforum Wien, das Ensemble Modern oder das Ensemble Intercontemporain. Und auch die Komponisten, die sich in Donaueschingen ein Stelldichein geben, sind bunt gemischt. Da sind unbekannte Newcomer wie auch die alten Galionsfiguren der Neuen Musik – Friedrich Cerha, Wolfgang Rihm oder Salvatore Sciarrino – dabei.

Ein Motto, das Musik zur Mischform macht

Ein Flügel auf einer Bühne, von dem das Holz absplittert und weg fliegt.

Bildlegende: Zerstörung und Musik: In einem Klavierkonzert von Simon Steen-Andersen wird der Zuhörer mit dem Chaos konfrontiert. SWR

Dass die Musiktage trotzdem nicht zum Gemischtwarenladen und Namenskarussell verkommen, hat damit zu tun, dass ihnen seit einigen Jahren jeweils ein Motto verpasst wird. Nachdem es im letzten Jahr um Grossformen ging, also grossbesetzte Orchesterwerke, lange Stücke und riesige Formate, war das Motto dieses Jahr schlicht «und».

Das heisst? Musik kann mehr sein als nur die Aneinanderreihung von Tönen. Musik und Elektronik, Musik und Installation, Musik und Video. Viele solcher Mischformen gab es zu erleben an diesem prachtvollen Herbstwochenende. Macht man sich, einmal neugierig geworden, auf die Suche nach weiteren Querverbindungen, finden die sich zuhauf. Und sind mal offensichtlich, mal versteckt.

Stücke, die mit Nachrichten beginnen

Da erweist sich ein brillanter Essayist wie Wolfgang Rihm auch auf musikalischem Gebiet als Liebhaber der Dialektik. Da lässt Salvatore Sciarrino Instrumente und Stimmen einander ergänzen, kommentieren, weiterführen, da überträgt die Kanadierin Chiyoko Slavnics ihre filigranen Gitternetzbilder ins Medium der Musik – und plötzlich sind da gar keine zarten Klänge, sondern eine unheimliche, giftige, gefrorene Musik.

Oder da entzündet sich Musik an der Sprache wie bei Manos Tsangaris im Eröffnungskonzert. Erst sind im Saal die Nachrichten zu hören, dann aber nehmen die Dinge eine unerwartete Wendung: Die Musik und die Nachrichten-Stimme werden zum seltsamen Gemisch.

Weg vom strengen Spartendenken

«und» – geht das Motto auf? Braucht Musik immer einen Zusatz? Kann man ihr allein nicht trauen? Doch, man kann. Aber deutlich wurde beim Festival, dass Neue Musik heute immer in Zusammenhänge eingebettet ist, mit unendlich vielen Verschränkungen und Querbezügen.

Dass sie auf unterschiedliche Weise Bezug nimmt zur Welt und dass sie nicht zuletzt – dank einem Motto wie in diesem Jahr – zum Nachdenken anregt: Wie äussert sich Kunstwollen? Wann mündet eine Idee ins Konzert, wann in eine Lesung oder eine multimediale Ausstellung? Ist die Idee offen genug und hat sie genügend Potential? Kann sie sich in dem einen oder anderen Medium manifestieren? Strenges Spartendenken gilt heute weniger denn je.

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