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Musik Das wundersame Leben einer Schweizer Abenteurerin als Oper

Die Schweizerin Abenteurerin Isabelle Eberhardt begeistert Outdoor-Enthusiasten und Feministinnen gleichermassen. Nun wurde mit «Song from the Uproar: The Lives and Deaths of Isabelle Eberhardt» erstmals eine Oper über sie geschrieben.

Schwarz-Weiss-Aufnahme: Eberhardt in orientalischer Kleidung und Kopfbedeckung
Legende: «Abreisen, abreisen in die Ferne und lange Zeit umherirren!» Isabelle Eberhardt in der Sahelwüste. unbekannt, aufgenommen um 1900

Einige sehen in der Schweizer Abenteurerin und Reiseschriftstellerin eine Pionierin des Extrem-Campings: Isabelle Eberhardt ritt um die vorletzte Jahrhundertwende alleine durch die Sahara – also noch ohne atmungsaktive Ultra-light-Ausrüstung.

Die Feministinnen erkoren Isabelle Eberhardt Anfang der 1970er-Jahre zur Ikone, weil sie sich der traditionellen «Mäuschen-im-Häuschen»-Rolle ihrer Zeitgenossinnen verweigerte. Stattdessen zog sie als Mann verkleidet durch die Schenken des Maghreb und drang sogar in den inneren Kreis einer konspirativen Sufi-Bruderschaft vor.

Kurzes Leben wird zur 75minütigen Oper

Und nun gibt es eine Oper über das kurze wilde Leben und den tragischen Tod der Isabelle Eberhardt. Geschrieben hat «Song from the Uproar: The Lives and Deaths of Isabelle Eberhardt» Missy Mazzoli. Die 32jährige New Yorker Komponistin stiess in einer Buchhandlung auf eine englische Ausgabe von Isabelle Eberhardts Tagebüchern. «Mich überraschte die Universalität von Isabelle Eberhardts Lebensgeschichte, ihr Kampf um Unabhängigkeit, ihre Leidenschaften, all die Widersprüche, die das Leben so vieler Frauen noch heute prägen»», sagt Missy Mazzoli.

Mazzoli war 27, als sie die erste Note von «Song from the Uproar» komponierte. So alt war Isabelle Eberhardt, als sie 1904 in Algerien in einer Springflut starb. Die Tagebücher, die die Grundlage des Librettos von Missy Mazzolis Oper bilden, fischte man aus dem Wasser. Sie dokumentieren die letzten vier Jahre von Isabelle Eberhardts nomadischer Existenz. Daraus, sowie aus Prosaskizzen und Briefen, stammen die meisten der dürftigen biografischen Informationen, zumal die Artikel, die Isabelle Eberhardt für französische und algerische Zeitungen verfasste, kaum Persönliches verraten.

Extreme und Exzesse

Soviel ist bekannt: Isabelle Eberhardt wird 1877 als uneheliche Tochter einer russischen Aristokratin und eines armenischen Ex-Priesters und Anarchisten in Genf geboren. Noch bevor sie 22 ist, hat sie ihre Eltern und ihren Bruder verloren und übersiedelt nach Nordafrika, das sie seit Jahren fasziniert. Sie verliebt sich in einen algerischen Soldaten, den sie heiratet, der sie aber verlässt. Sie konvertiert zum Islam und spricht fliessend Arabisch, während sie in Burnus und Reitstiefeln als «Si Mahmoud Essadi» durch die orientalische Männerwelt stapft.

Von allen Seiten verdächtigt

Alkohol- und Drogenexzesse sind ebenso Teil von Isabelle Eberhardts Alltag wie Depressionen und religiöse Ekstase. «Abreisen, abreisen in die Ferne und lange Zeit umherirren! Meine Nomadenseele erwacht, und mich überkommt grosse Angst, wenn ich nur daran denke, dass ich möglicherweise für lange Zeit lahmgelegt bin», schreibt sie einmal. So vagabundiert sie durch Tunesien und Marokko, literarisch ihrem Vorbild, dem Reiseschriftsteller Pierre Loti nacheifernd.

Den Behörden ist diese auffällige Gestalt bald suspekt. Man hält sie für eine britische Spionin, eine jüdische Suffragette und eine russische Bombenlegerin. Das Misstrauen gipfelt 1901 darin, dass sich ein junger Mann in aller Öffentlichkeit mit einem Krummsäbel auf sie stürzte und ihr zwar nicht wie geplant den Schädel spaltet, aber fast den Arm abtrennt. Vor Gericht bittet Isabelle Eberhardt darauf erfolgreich um Gnade für ihren Attentäter.

Quelle der Inspiration

Missy Mazzolis Oper «Song from the Uproar: The Lives and Deaths of Isabelle Eberhardt» ist nicht die erste Verarbeitung der wundersamen Geschichte. Aus dem Stoff entstand auch schon grosses Kino. Mit Mathilda May und Peter O’Toole wurde «Isabelle Eberhardt» 1991 verfilmt. Bis heute taucht diese Grenzgängerin von gestern zudem gerne als Sujet von Biografien und Phantasien auf. «Ich habe keine Angst vor dem Tod», schrieb sie, «aber ich möchte nicht sinnlos sterben.» Eberhardts Tod war bestimmt nicht sinnlos, wenn ihr Leben sich für so viele als Quelle der Inspiration erweist.

Missy Mazzoli

Porträtaufnahme der Künstlerin
Legende: Wollte eigentlich keine Oper schreiben: Missy Mazzoli. Stephen S. Taylor

Im Herzen fühlt sich die Komponistin Robert Schumann verpflichtet, aufgewachsen ist sie mit David Bowie: In ihrer Musik verbindet Missy Mazzoli Rock mit Romantik. «Song from the Uproar» ist die erste Oper der 32jährigen Komponistin aus Brooklyn.