Der Boy from Ipanema

Er hat ein Leben lang wunderbare Musik komponiert – und ist dennoch vor allem für ein Stück berühmt geworden: Antônio Carlos Jobim. Der Komponist des Songs «Girl from Ipanema», ist vor 20 Jahren gestorben. Seine Musik steckt stets voller genialer Wendungen.

Porträt von Antonio Carlos Jobim

Bildlegende: Auch wer noch nie von ihm gehört hat, kennt mindestens einen seiner Songs: Die «Garota de Ipanema». Getty Images

Es ist Nachmittag am Strand von Ipanema, zwei Herren sitzen in einer Bar, ihre Gespräche drehen sich um Musik und ihre Augen schweifen ziellos über die Szenerie. Da plötzlich sind sie wie vom Donner gerührt: Ein junge Frau geht an ihnen vorbei, gross, wunderschön, von der Sonne gebräunt, mit einem einmaligen Hüftschwung: «Olha, que coisa mais linda», rufen sie aus, «schau, wie hübsch!» Und weil sie beide schon verheiratet sind, sublimieren sie ihre Bewunderung, nehmen eine Serviette und notieren einen Song. Einen Song, der so berühmt werden sollte, dass jede und jeder ihn kennt.

Miterfinder der Bossa nova

Und wenn es nicht genau so war, dann war es ein bisschen anders. Die beiden Herren waren Vinícius de Moraes und Antônio Carlos Jobim, der geniale Texter und der ebenso geniale Komponist. Das Mädchen heisst Hêlo Pinheiro und kann bis heute von diesem Song leben. Es gibt nicht viele Musen in der Geschichte der Kunst, die das von sich behaupten können.

Und vom Song leben konnte natürlich auch Antônio Carlos Jobim, oder Tom, wie ihn alle nennen. Er hat «The Girl from Ipanema» komponiert und ist für diesen Hit bekannt – auch bei denjenigen, die kein anderes Lied von ihm kennen. Dabei hat er unzählige wunderbare Melodien geschrieben, und mehr als das: Zusammen mit einer Handvoll anderer heller musikalischen Köpfe löste er die «Bossa nova» aus, die «Neue Welle». Man experimentierte mit neuen Formen und Ausdrucksweisen in Musik und Film.

Federleichte Jahre – bis zum Putsch

Wie gut passte die Bossa nova zur Zeit. Tom Jobim, Vinícus de Moraes, auch der Gitarrist João Gilberto und viele andere, alle waren sie Ende der 1950er-Jahre begeistert vom neuen Brasilien. Das Land schien endlich sein kreatives Potenzial auch politisch umsetzen zu können. Dazu passte keine dramatische Musik mit grosser Geste, nein, dazu gehörte eine federleichte Musik mit witzigen Texten und reichen Harmonien, eben die Bossa nova. Und genau darin war Tom Jobim ein Meister.

1964 war Schluss mit der schönen neuen Welt. Die Militärdiktatur zerschlug die Hoffnungen in Brasilien, viele der Bossa-nova-Musiker gingen in ein inneres oder äusseres Exil. Jobim nicht. Er hatte inzwischen auch in Nordamerika Erfolg mit seiner Musik, und er mochte sich nicht mit einer Zensurbehörde auseinandersetzen, die seine Texte auf den Kopf stellen würde. Lieber beschäftigte er sich mit grösseren Formen, und grösseren Besetzungen. Um eine geniale Melodie war er schliesslich nie verlegen.

Die Lösung ist der Flughafen

Tom Jobim war nicht politisch engagiert. Gemeinsame Sache mit dem Regime scheint er aber auch nicht gemacht zu haben. Er fühlt sich in Brasilien immer weniger willkommen und zieht schliesslich nach New York. Die Lösung für Brasilien, das sei der Flughafen, scherzt er.

Als er in den 1980er-Jahren schliesslich eine neue Band zusammenstellt, mit einer Gruppe von Frauen als Chor, ist er längst eine lebende Legende. Er erfindet sich nicht neu, aber seine Musik steckt stets voller genialer Wendungen und reicher Harmonien. Auch der Austausch mit dem nordamerikansichen Jazz findet nach wie vor statt, wie damals anfangs der 1960er-Jahre. Eine Aufnahme mit dem Saxofonisten Joe Henderson ist geplant, als Jobim im Alter von 67 Jahren am 8. Dezember 1994 an einem unbehandelten Tumor stirbt. Und die brasilianische Musikwelt in tiefe Trauer stürzt.

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