Der Brite aus Kent, den in New Orleans jeder kennt

Jon Cleary ist aus der Musikszene von New Orleans nicht mehr wegzudenken. Dort hat er fast alle Musiker von Rang und Namen begleitet: den New-Orleans-Guru Dr. John zum Beispiel. Kleines Detail – nicht nur am Rande: Jon Cleary ist Brite.

Drei Schwarze und ein Weisser sitzen auf einer Bank vor einer Bar.

Bildlegende: Hat in New Orleans mehr als nur sein Plätzchen gefunden: Jon Cleary, britischer Musiker. joncleary.com

Cranbrook in Kent – viel weiter weg von New Orleans kann ein junger Brite kaum sein. Kent ist der südöstlichste Teil der britischen Inseln, und Cranbrook ein Nest. Doch genau hier startet die Karriere von Jon Cleary, einem der bekanntesten Musiker von New Orleans.

Kaum zu glauben? Nicht, wenn die Familie in Cranbrook durch und durch musikalisch ist. Jon Clearys Mutter liebt alles, was mit Black Music zu tun hat – das ist damals vor allem Reggae. Die Onkel von Cleary sind fast alle Musiker, und besonders einer von ihnen ist eine Schlüsselfigur: Als bunter Wandervogel bringt er Geschichten nach Hause aus dem amerikanischen Süden. Geschichten – und vor allem Musik.

Die Bar zum Glück

Er erzählt dem rund zehn Jahre jüngeren Neffen von einem funkigen Städtchen namens New Orleans, diesem Schmelztiegel von Musik aus Kuba, Haiti, Afrika und der alten Welt. Er berichtet Jon von einem Musiker namens Professor Longhair, dem er aus nächster Nähe zugehört hat. Und von den Marching Bands, die durch die Strassen ziehen und Fastnacht feiern. Oder eine Hochzeit. Oder eine Beerdigung.

Ein Mann mit Hut und Sonnenbrille vor einer weissen Hauswand.

Bildlegende: Jon Cleary malte Fassaden an, bevor er in New Orleans zum Top-Musiker wurde. joncleary.com

Für Jon Cleary ist schnell klar: Er möchte auch Musiker werden. Aber nicht in Kent, sondern in New Orleans selber. Von zuhause bringt er eine solide Ausbildung auf Klavier und Gitarre mit. Er verlässt die Schule ein Jahr früher und zieht mit 17 los – ohne Geld, aber mit seiner Gitarre. Und mit der Adresse einer Kellnerin in einer Bar.

Die Bar erweist sich als Glücksfall. Jon Cleary erhält gleich einen ersten Job: Er muss die Fassade neu anmalen. Dafür erhält er Kost und Logis. Und die Gelegenheit, jeden Dienstagabend dem Hauspianisten der Bar zuzuhören: James Booker. Für Dr. John war James Booker «das beste schwarze, schwule, einäugige Piano-Genie, das New Orleans je hervorgebracht hat.» Jon Cleary weiss das damals noch nicht.

Mehr Piano – weniger Pinsel

Aber er findet es schnell heraus, schliesslich hört er das Piano-Genie jeden Dienstag. Und bald schon übt Jon Cleary mehr Klavier, als dass er pinselt. Dafür kriegt er zunächst Ärger mit dem Barbesitzer. Mit der Zeit aber wird er so gut, dass er James Booker vertreten kann, wenn der mal wieder zu spät kommt. Oder gar nicht auftaucht.

Zehn Jahre nach seiner Ankunft in New Orleans schickt Jon Cleary seinem Vater ein Tape. Zu der Zeit ist er schon längst ein vielbeschäftigter Sideman. Das Tape aber ist die erste Aufnahme mit der eigenen Band. Der Vater zeigt die Musik seinem Bankmanager, der gleichzeitig einer der besten Spezialisten für New Orleans Rhythm’n’Blues ist.

Akzente setzen ohne Akzent

So entsteht das Debut-Album von Jon Cleary, «Alligator Lips and Dirty Rice» – und John Cleary hat es geschafft. Das Album wird wahrgenommen in der Szene und darüber hinaus. Dr. John lobt es ausdrücklich, und Jon Cleary spielt für ihn und andere Grössen wie die Sängerin Bonnie Raitt. Und aktuell auch mit dem Gitarren-Gott John Scofield.

Trotz seines durchschlagenden Erfolgs in New Orleans hat Jon Cleary seine Heimat Kent nie vergessen. Es ging ihm nie darum, Amerikaner zu werden, er besucht seine Familie regelmässig, und er legt auch seinen britischen Akzent nicht ab. Ausser wenn er singt. Dann hört man den Briten nicht mehr. Das ist nur noch durch und durch New Orleans.

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