Eurovision Song Contest «Der ESC wird auch als Propagandaplattform genutzt»

Heute Abend beginnt in der ukrainischen Hauptstadt Kiew der Eurovision Song Contest. Für Osteuropa hat der Gesangs-Wettbewerb politisch und gesellschaftlich eine grosse Bedeutung. Der Wettbewerb werde zudem auch aus wirtschaftlichen Interessen gezielt genutzt, sagt Experte Irving Wolther.

Timebelle in Kiev

Bildlegende: Die Gastgeberländer nutzen den ESC auch als Plattform, um gezielt Werbung für ihr Land zu machen. Keystone

SRF: Irving Wolther, Sie sind zurzeit in Kiew unterwegs, welche Bedeutung hat der ESC für die ukrainische Bevölkerung?

Irving Wolther: Der Song Contest hatte ja schon 2005, als er das erste Mal in der Ukraine ausgerichtet worden ist, eine ganz besondere Bedeutung im Nachgang der «Orangen Revolution».

Jetzt, über 10 Jahre später, ist es noch immer ein Prestigeobjekt, eine wichtige Veranstaltung für die Ukraine, allerdings in einem anderen Kontext – nämlich in dem des Konflikts mit Russland. Man sieht, wie der Wettbewerb als Propagandaplattform genutzt wird.

In einigen Ländern Osteuropas wie Ungarn oder Polen, sind nationalistische Regierungen an der Macht, spürt man das bei diesem Wettbewerb?

Der Wettbewerb ist eine wunderbare Plattform, um ein breites Publikum zu erreichen und für politische Fragen zu sensibilisieren. In den von Ihnen angesprochenen Regimes ist das Interesse, Nationalkultur zu präsentieren, natürlich hoch. Es zeigt sich aber, anders als man das vermuten würde, dass gerade in Ungarn im Televoting ein Romakünstler gewonnen hat.

«  Man sieht, wie der Wettbewerb als Propagandaplattform genutzt wird. »

Dazu muss man wissen, dass die Romakünstler in Ungarn keinen besonders guten Stand haben. Deswegen hat das viele verwundert. Kritiker könnten natürlich vermuten, dass das ungarische Fernsehen so etwas gezielt lanciert hat, um zu zeigen, die Ungarn seien weltoffener, als man ihnen das zutraut.

Ist das denn nicht der Fall?

Da es sich um eine Telefonabstimmung handelt, hat das Volk entschieden. Wir können nicht sagen, wie viele da angerufen haben, aber es war die Mehrheit der Anrufer. Und der Wille war offensichtlich da, diesen Titel zum Songcontest zu schicken – als Vertreter von Ungarn.

Heisst das, dass der Einfluss der Regimes in Osteuropa auf den Wettbewerb eher klein ist?

Es hat nicht direkt mit den Regimes zu tun. Ich denke, dass die Regierenden etwas anderes zu tun haben, als sich um die Vorentscheidung zum ESC zu kümmern. Es hat eher etwas damit zu tun, welche Aufgaben die nationalen Fernsehsender haben.

In Osteuropa sind diese Fernsehanstalten stärker durch staatliche Mittel finanziert, sie sind staatsnäher und haben andere Repräsentationsaufgaben. Bei denen ist stärker die Schere im Kopf, wenn es darum geht, den nationalen Beitrag auszuwählen, da will man natürlich etwas zeigen, das die eigene Kultur nach aussen besonders gut dastehen lässt.

Die Popularität und die Bedeutung des Wettbewerbs ist in den Ländern unterschiedlich. Wovon hängt das eigentlich ab?

Frau in Sessel vor Transparent

Bildlegende: Der Slogan «Celebrate Diversity» dürfte nicht jedem passen, er ist Statement und Provokation zugleich. Keystone

Das war die grosse Frage, die mich auch damals getrieben hat, meine Doktorarbeit über den Songcontest zu schreiben.

Bei meiner Untersuchung kam heraus, dass gerade die Fernsehanstalten aus Ländern, die ein geringes Bruttoinlandsprodukt haben, die eine junge demokratische Tradition haben, ein besonders grosses Interesse daran hatten, diesen Song Contest zu gewinnen. Und auch bereit waren, grosse finanzielle Einbussen hinzunehmen, um sich bei diesem Wettbewerb gut präsentieren zu können.

Lohnt sich denn die Investition in den ESC – gerade für die Länder, die Sie gerade genannt haben?

Es lohnt sich, gerade für diese Länder. Es hat in der Vergangenheit für ein Ausrichterland wie Estland einen unglaublichen Investitionsschub gegeben durch den ESC.

Die baltischen Staaten litten nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs noch immer unter dem grauen Sowjetimage, und niemand dachte, dass sich dort so viele interessante Start-Ups verbergen, dass das ein interessantes Tourismusziel ist.

Die haben den Song Contest ganz gezielt genutzt, um sich als skandinavisches Land zu positionieren. Und das hat funktioniert.

Der Aussenminister hat den Werbewert dieses Wettbewerbs auf 12 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das ist eine Werbekampagne, die sie nie aus eigener Tasche hätten finanzieren können.

Das Gespräch führte Oliver Meier.

Zur Person

Zur Person

Irving Wolther wurde 1969 geboren. Er ist studierter Sprach- und Kulturwissenschaftler. 2006 promovierte er an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover über den Eurovision Song Contest – deswegen wird er oft auch als «Dr. Eurovision» bezeichnet.

Eurovision Song Contest

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Buchhinweis

Irving Wolther: «Kampf der Kulturen». K&N 2006