Der Geigenbau von vor 300 Jahren ist unerreicht

Andreas Irniger baut Geigen. Keine moderne Technik hilft ihm dabei. Er arbeitet mit jahrhundertealten Arbeitstechniken: Er schnitzt, schabt, schleift. Den Feinschliff macht er mit getrocknetem Schachtelhalm. Er ist dabei präzise bis auf einen Zehntel Millimeter. Ein Wunder aus einer anderen Zeit.

In Zürich ist Rush Hour: entnervte Hektik. Die Altstadt hallt wider, Menschen hasten über's Trottoir, als sei der Leibhaftige hinter ihnen her. Dann ein Innenhof, die Hektik ist weit weg, urplötzlich. Stille. Ein Treppenhaus, Gebälk knarzt, bleiverglaste Fenster erzählen kirchliche und weltliche Szenen. Fünfter Stock. Andreas Irniger öffnet die Tür. Alte hohe Räume mit Platz und Geschichte, endlos. Hier geht die Zeit anders. Wenn sie denn geht.

Andreas Irniger in seiner Geigenbauwerkstatt

Bildlegende: Geigenbau heisst: Ruhe, Konzentration, Holz, ein paar Werkzeuge, viel Zeit und Handwerk. SRF

An den Wänden hängen Geigen, Bratschen, Celli, Gamben. In Reih und Glied. Teppiche – mit Ornament in bordeauxrot, Preussisch Blau, an den Rändern der Glanz von Silberfäden. In einer Ecke der Arbeitsplatz von Andreas Irniger. Er lernte an der renommierten Geigenbauschule in Brienz.

Mittlerweile ist er spezialisiert auf alte Instrumente. Wann immer eines Schaden genommen habe, komme man zu ihm, sagt er. Er öffnet diese Instrumente, manch eines zum ersten Mal nach 300 Jahren. Andere seien schon wiederholt repariert worden. All das sehe er, wenn er hinein schaue: «Das erzählt Geschichten.»

Er kann den Klang eines Holzes sehen

Nicht nur die Schäden und Reparaturen sieht er. An der Maserung des Holzes kann er sehen, wie hart die Winter gewesen seien, als die Fichte wuchs, die irgendwann zur Geige wurde. «Je härter der Winter, desto stärker die Zeichnung im Jahresring.»

Wenn Andreas Irniger heute Holz kauft, sehe er einem Holzblock nicht nur das Wetter an. Er sehe förmlich den Klang. Wenn er selber ein neues Instrument baut, dann dauert das mindestens 150 Stunden. Das gehe nicht schneller. Das Holz gebe die Zeit vor.

Nichts kommt an die alte Technik heran

Irniger arbeitet wie vor hunderten von Jahren. Etwas Besseres sei noch nicht erfunden worden. Er arbeitet mit einer Art Löffel aus EINEM Stück Holz die Vorder- und Rückseite einer Geige heraus. Dann wechselt er auf eine Ziehklinge und macht die Feinarbeit. Das nennt er «putzen».

Er macht den finalen Feinschliff nicht mit modernem Schleifpapier sondern mit getrocknetem Schachtelhalm. «Der ist in dem Zustand steinhart» und kristallisiere innen, damit könne er bis auf einen Zehntel Millimeter genau schleifen. Bis das Holz schwingt und klingt. Die Kristalle des Schachtelhalms verleihen der Geige ihren typischen Glanz.

«Moderne Technik kommt an all das nicht heran», sagt Irniger. Natürlich könne man mit einer CNC-Fräse eine Geige ausschneiden, aber die Fräse zerreisst das Holz an den Schnittstellen. Das maschinell entstandene Instrument sieht zwar aus wie eine Geige, klingt aber abscheulich.

«Vor 300 Jahren waren sie besser als wir heute»

Vieles ist deshalb wie vor 300 Jahren. Irniger biegt die Zargen, also die geschwungenen Seitenteile der Geige, wie vor langer Zeit über einem heissen Eisen. Das wird heute elektrisch erhitzt, früher musste man es aus den heissen Kohlen holen. Damit hat es sich dann aber schon – mit dem Fortschritt.

Durch das F-Loch fotografiert, was auf dem Geigenboden geschrieben steht...Stradivarius

Bildlegende: Durch das F-Loch fotografiert, was auf dem Geigenboden geschrieben steht: Antonius Stradivarius Reuters

In den vergangenen 300 Jahren sei Wissen verloren gegangen. «Stradivaris haben für Viele den schönsten Klang überhaupt», sagt Irniger. Vieles von ihrem Klang hänge auch – nicht nur – «mit der Lackierung zusammen. Seit langem bemüht man sich deshalb, die Zusammensetzung des Lackes heraus zu bekommen.» Das sei kompliziert: «Die haben damals andere Farben verwendet, auch die Lösungsmittel waren andere. Die Lackierungen wurden in Schichten aufgetragen. Die Trockenzeit zwischen den Arbeitsgängen ist wichtig», sagt Irniger. Aber alle Forschung brachte nichts: «Die Zusammensetzung des Lackes der Stradivaris hat man nie herausgefunden. Vor knapp dreihundert Jahren waren sie weiter als wir heute. Das haben wir nie mehr geschafft.»

In Andreas Irnigers Welt muss man Zeit haben. Viel Zeit. Und: Man lernt Demut vor einer Tradition.

Draussen vor der Türe hasten Menschen vorbei.