Der Geiger mit Gespür für «orgasmische Wucht»

Der Geiger Christian Tetzlaff hat sich einer Musik verschrieben, die ein Potpourri der Gefühle ist: Mal guckt er in Abgründe, mal verführt er, mal begehrt er. Wie sein Spiel, so ist auch sein Leben: ein Pendeln zwischen Konzerten und Privatleben. Kraft gibt ihm nicht zuletzt die Erotik.

Christian Tetzlaff, den Kopf auf der Geige aufgestzütz.

Bildlegende: Verbindet in seinem Spiel gekonnt Verstand und Gefühl: Christian Tetzlaff. Giorgia Bertazzi

Die «orgasmische Wucht» des ersten Violinkonzerts Karol Szymanowskis hat Christian Tetzlaff fast umgehauen, als er es zum ersten Mal öffentlich spielte. Kürzlich hat er das Werk im Rahmen der Festspiele Zürich erneut aufgeführt. Für ihn ist es Musik wie filigraner Jugendstil: mit Gold- und Silberfarben, verführerischen Klängen und Melodien, Schleiertänzen und einer Habanera. Damit formuliere Szymanowski Streicheln, Begehren, Fordern und Geben.

Dinge, die auch im Privatleben des 49-jährigen Tetzlaffs eine wichtige Rolle spielen. «Erotik ist eine der Hauptkomponenten meines Liebeslebens. Aber das gilt ja für eine relativ hohe Prozentzahl von uns allen, hoffe ich», sagt er. Auch kulinarische Genüsse liebt der gebürtige Hamburger; Kochen ist zurzeit das einzige Hobby, wofür er sich Zeit nimmt.

Neben seiner emotional-sinnlichen Seite hat er eine rational-analytische Ader. In seinem Violinspiel verbindet sich beides: Seine Musik fesselt durch Leidenschaft und hat gleichzeitig einen intellektuellen Unterbau.

Musik soll glaubhaft sein

Christian Tetzlaff reflektiert historische Spieltechniken und Interpretationstraditionen, und er spricht oft und präzise über den Charakter von Musik. Eine bevorzugte Art von Stücken oder einen bevorzugten Charakter hat er nicht.

Aber er liebt es, wenn verschiedene Wesenszüge einer musikalischen Geschichte einen glaubhaften Verlauf verleihen. In der klassischen Musik mit ihren längeren Sätzen seien Zeit und Raum vorhanden, um solche Entwicklungen zu beschreiben. In der Unterhaltungsmusik hingegen werde meist nur eine einzige Stimmung pro Stück postuliert, konstatiert Tetzlaff.

Alles im Griff dank durchdachter Organisation

Eine Konzertagenda mit rund 100 Konzerten pro Jahr, eine Patchworkfamilie mit fünf Kindern – drei, die schon erwachsen sind und zwei Kleinkinder – und momentan ein Wohnsitzwechsel von London nach Berlin. All das bringt Christian Tetzlaff unter einen Hut, mit durchdachter Organisation und einer gesunden Portion Pragmatismus.

Seine Konzert- und Probentermine plant er in kurzen Blöcken und so kompakt wie möglich, um genug Zeit für Privates zu haben. Voll und ganz auf Tour oder voll und ganz zu Hause – das ist seine Devise.

Die Klassiker hat er verinnerlicht

Zum Üben bleibt kaum Zeit, Tetzlaff verlässt sich zu einem grossen Teil auf seine Erfahrung. In jungen Jahren einstudierte Klassiker, wie etwa das Beethoven- oder das Brahms-Konzert, seien auch auswendig «einfach da» nach mittlerweile hunderten von Aufführungen.

Bei neu gelernten Stücken nimmt er auf der Bühne die Noten als Gedächtnisstütze zu Hilfe wie mittlerweile viele Solistinnen und Solisten. Gleiches gilt für neu komponierte Stücke, die er zum Teil selbst in Auftrag gibt.

Zur Person

Christian Tetzlaff, geboren 1966 in Hamburg, studierte u.a. an der Musikhochschule Lübeck. 1988 machte er international auf sich aufmerksam mit dem Violinkonzert von A. Schönberg. Mittlerweile hat er mit fast allen bekannten Orchestern Europas zusammengearbeitet. Sein Instrument: eine moderne Greiner-Geige.

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