Komponist Ricardo Eizirik Der Mann, der mit Müll Musik macht

Rostige Dosen, defekte Geräte, zerknittertes Plastik: Was andere wegwerfen, beflügelt bei Ricardo Eizirik die Fantasie. Aus Trash–Objekten macht er Musik.

Abfallhaufen, auf dem ein Fahrrad zu erkennen ist.

Bildlegende: Wo andere Abfall sehen, sieht Ricardo Eizirik Instrumente. bisaufeinen / photocase.de

Ein Zimmer in einer Altstadtwohnung in Berlin Schöneberg. Der Boden ist übersät mit Dosen, Kabeln, Plastikrohren, Trichtern und sonstigen kleinen Utensilien. Mittendrin sitzt Ricardo Eizirik, wie ein Kind zwischen seinen Spielsachen.


Zu Besuch in Eiziriks Berliner Wohung

1:40 min, aus Musik unserer Zeit vom 02.07.2017

Was aussieht wie unbrauchbarer Abfall, verwendet der 31-jährige brasilianische Komponist für seine Musik. Eizirik nimmt einen präparierten Vibrator, steckt ihn in ein Glas und schaltet ihn ein: ein helles klirrendes Flirren. Dann steckt er das Sex-Toy in eine Blechdose: ein schepperndes, tiefes Surren.

Diese Klänge dienen Eizirik als kompositorisches Material. Später wird er die Vibratoren einsetzten in seinen «Junkyard Pieces».

Clash der Wegwerfkulturen

In seinen Stücken konfrontiert er die Müll-Objekte mit wertvollen klassischen Musikinstrumenten, mit Geige, Cello und Klarinette. Es ist die Spannung zwischen Hochkultur und Trash, die ihn interessiert.

Das hat auch biographische Hintergründe. Ricardo Eizirik ist in Brasilien aufgewachsen, wo ein kreativer Umgang mit defekten Dingen zum Alltag gehört. Als er dann für sein Kompositionsstudium in die Schweiz kam, fiel ihm auf, wie unversehrt und perfekt hier alles ist. Diesen kulturellen «Clash» verarbeitet er auf kreativ–künstlerische Weise in seinen Kompositionen.

Ensemble auf einer Bühne, am linken Bühnenrand steht ein umgekehrtes Fahrrad.

Bildlegende: Ungewöhnliche Instrumente: Das Collegium Novum Zürich spielt Eiziriks «reel: moloch!, 1927» – mit Fahrrad. Collegium Novum Zürich

Menschliche Maschinen

Überhaupt sind es Alltagserfahrungen, die ihm den Stoff für seine Kompositionen liefern. Aufmerksam beobachtet er zum Beispiel unseren täglichen Umgang mit Maschinen. Sei es unser Verhalten auf Rolltreppen, das Handhaben eines Mixers beim Kochen oder das Bedienen von Computer und Handy.

Eizirik fällt auf, dass wir Maschinen oftmals menschliche Qualitäten zuteilen: wir sprechen mit ihnen, streicheln sie, schreien sie an und sind beleidigt, weil wir das Gefühl haben, sie würden uns absichtlich ärgern.

Tatsächlich klingen einige von Eiziriks Kompositionen wie eine etwas aus den Fugen geratene Maschine, ein Räderwerk, das von den Musikern in Gang gesetzt und in Bewegung gehalten wird. Musik voller Loops, mechanischer Abläufe und rhythmischer Bewegungen.

Humor als Gegengewicht

Ricardo Eizirik reflektiert in seinen Stücken also gesellschaftliche Phänomene und unsere Interaktionen mit Maschinen. Gleichzeitig klingt die Musik leichtfüssig und witzig, erinnert an Slapstick in alten Stummfilmen.

Tatsächlich ist Humor für Ricardo Eizirik ein unerlässliches Gegengewicht zur grossen, ehrwürdigen und manchmal fast erdrückenden Tradition der mitteleuropäischen klassischen Musik, die so wenig mit der Lebensrealität des 31-jährigen Komponisten zu tun hat.

Porträtfoto

Bildlegende: Ricaro Eizirk unterrichtet unter anderem an der Zürcher Hochschule der Künste. ricardoeizirik.com

Wie komponiert die MTV-Generation?

Eizirik bringt einen ganz anderen Hintergrund mit: Er gehört jener Generation an, die mit MTV aufgewachsen ist, wo kein Stück länger als zwei, drei Minuten dauert, und auf seinem Handy läuft Noise, Punk und Hip-Hop.

Diese Lebensrealität findet Widerhall in seinen Kompositionen. Die biographischen Aspekte in seiner künstlerischen Arbeit stehen aber in einem noch grösseren Kontext: Mitteleuropäische Kunstmusik wird in Brasilien zwar gelehrt, man hört sie aber – je nach Region – wenig bis gar nicht in den Konzertsälen.

«Dschungel» und «Affengeschrei»

So gab es während seiner akademischen Ausbildung von Anfang an ein Gefälle: im «globalen Süden» wird man über den «globalen Norden» belehrt. Diese Form des Kolonialismus setzte sich fort, als Eizirik vor sieben Jahren nach Europa kam.

Denn hier erwartete man von ihm, dass er «brasilianische» Musik komponiere, die womöglich «Dschungel» und «Affengeschrei» verarbeite. Ricardo Eizirik musste sich mit diesen Stereotypen und Exotismen auseinandersetzen und sich seiner wahren Identität bewusst werden.

Chaotische Präzision

Diese Selbstbefragung hat den brasilianischen Komponisten zu einer ganz eigenen Musiksprache geführt. Er negiert Tradition nicht, bezieht aber seinen biographischen Hintergrund und Aspekte heutiger Kunst gleichwertig in sein Schaffen mit ein.

Ricardo Eizirik nimmt einen grauen Plastikschlauch und schwingt ihn durch die Luft, ein sirrendes Summen erklingt. Man sieht ihm die Freude am Tüfteln und Basteln an. Bald wird dieser Schlauch zu einer klingenden Fundsache in einer seiner fein ineinandergreifenden und chaotisch-präzisen Kompositionen.

In Zeiten, in denen viel über Nachhaltigkeit diskutiert wird, ist Eizirik mit seiner Trash–Musik hochaktuell.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Musik unserer Zeit, 28.6.2017, 20 Uhr.

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